„Die Leerstelle als Qualität“ von David Gruschka (Nexti 2015)

In Vom Prinzen der auszog die Liebe zu finden entfaltet sich die Geschichte in den ersten Zügen über Sprache und das Medium der Overhead-Projektionen. Da werden – begleitet von den Stimmen der Spieler_innen – verschiedene Farbfolien und -formen über- und nebeneinanderarrangiert und sogleich wird dieser in der Abstraktion liegende Freiraum im Kopf der einzelnen Zuschauer_innen zur eigenen konkreteren Szenerie. In Schreimutter erkunden die Spieler_innen die Bewegungsqualitäten eines Pinguins und die Zuschauer_innen erkunden und entdecken mit ihnen. Ein sich drehendes Haarsieb lässt das Bild eines motorisierten Gefährts entstehen und zwei Finger, die immer wieder ins nicht gänzlich ausgestaltete Bild greifen, könnten dabei sowohl Schnabel der Pinguinmutter wie Monster von außen oder schlicht die Finger der Spieler_innen sein. In Oopicassoo entstehen verschiedene Bilder vor den Augen der Kinder. Diese können bereits mit den ersten Pinselstrichen mitraten, zu welchem Bild sie die Reise führen wird. Und in Die Konferenz der wesentlichen Dinge halten sich die Performer_innen so dezent im Hintergrund, dass der/die Zuschauer_in – hier vielmehr Handelnde_r als Schauende_r – nicht sich selbst überlassen, sondern zur Teilnahme angeregt wird und sich dabei dennoch nach eigenem Maße einbringen kann.

Wie auch immer die Leerstelle aussieht, das Publikum wird jeweils aufgefordert zu gestalten, zu entdecken, mitzuraten, sich in irgendeiner Weise aktiv zu beteiligen und das gegebenenfalls abstrakte Bühnengeschehen deutlicher zu machen und mit eigenen Inhalten zu füllen. Es ist bestenfalls gerade genug Futter vorhanden um den/die Zuschauer_in zu motivieren in der Phantasie konkreter zu werden. Spannend sind die Leerstellen, welche den/die Zuschauer_in führen, dabei aber nicht überdeutlich werden, sondern für jede_n ein anderes Bild, eine eigene Phantasie oder sogar andere Inhalte entstehen lassen.

Und wie wertvoll ist diese jeweils eigene Phantasie für einen der Grundmotoren des Theaters – die Kommunikation über die individuellen Erlebnisse innerhalb der gemeinsamen Erfahrung. Eine nicht überdeutliche Kommunikation einer Regieidee auf der Bühne kann so mitunter zur Basis für eine Kommunikation im Anschluss an das Gesehene werden.

Natürlich ist hier der Mut des Produktionsteams zur Leerstelle gefordert. Daraus folgt ein Loslassen der Kontrolle und damit das Zugeständnis in ein Vertrauen in ein mündiges Publikum. Nur so kann das Unvorhergesehene – der Unfall im positiven Sinne – geschehen. Ist dies nicht vielleicht auch Grundlage einer Kommunikation zwischen Bühnen- und Zuschauerraum?

Wenn es dann in einer Inszenierung keine uninszenierten Momente gibt, ist dies auch ein Spiel auf Sicherheit. Das Wagnis Leerstelle wird nicht eingegangen. Die Zuschauer_innen bleiben stark geführt.

Ist das nun ein Plädoyer weg vom klassischen Erzähltheater zu rein performativen Formen? Nein, denn es geht rein um eine Balance und die Frage, wie viel Vertrauen der/die Theatermacher_in bereit ist in die Hände der Zuschauer_innen zu legen. Ein Beispiel ist Wilhelm Tell vom Theater an der Ruhr: Eine Inszenierung, die sich aus dem klassischen Dramenstoff dramaturgisch und inhaltlich bedient, ihn aber in Teilen auflöst und um wertvolle Leerstellen ergänzt. Als Beispiele seien hier in erster Linie die Figur des Schriftstellers und die nationalistischen Tanz-Zwischensequenzen genannt, die einen enormen Assoziationsspielraum aufmachen. Eine Inszenierung, die führt, zu unterhalten weiß und trotzdem das aktive, mündige Publikum fordert.

Worum könnte es also gehen? „Wir denken zu oft, dass wir es besser wissen als Kinder. Deshalb ist die Frage gut, was können und wissen Kinder besser als ich?“

In Chalk About wie auch Die Konferenz der wesentlichen Dinge werden Fragen gestellt, keine Antworten gegeben, wenn überhaupt dann nur Möglichkeiten gezeigt. Inhaltliche Leerstellen füllen sich mit Aspekten der Zuschauer_innen. Wesentlich ist hierbei, dass sich die Produktionen nicht über die jugendlichen Zuschauer_innen stellt. Die Theatermacher_innen stellen ihr Vorwissen nicht zur Schau. Es wird gezeigt und gemeinsam erfahren.

Der/Die Zuschauer_in wird hier ernst genommen. Eine wertfreie Begegnung auf Augenhöhe mit ehrlichem Interesse an den Antworten der Zuschauer_innen auf die gestellten Fragen wird sicht- und erfahrbar. Ein Zitat aus dem Inszenierungsgespräch: „Wir denken zu oft, dass wir es besser wissen als Kinder. Deshalb ist die Frage gut, was können und wissen Kinder besser als ich?“

Es sollte demnach nicht um eine Bevormundung der Kinder und Jugendlichen gehen, sondern vielmehr um die Erschaffung von Räumen, in denen alle Parteien vorkommen können.

Und dennoch bleibt die Leerstelle nur eine Qualität einer Inszenierung. Dass eine Inszenierung auch nahezu ohne Leerstellen auskommen und dennoch eine hohe Qualität erreichen kann, zeigt beispielsweise Leider Deutsch.

Die Qualität der Leerstelle konnte ich in allen Inszenierungen – ‘mal mehr, ‘mal weniger, im Positiven, wie im Negativen – finden. Dennoch bin ich nachhaltig beeindruckt von den europäischen Gastspielen, die trotz großer dramaturgischer Dichte eine Vielzahl an Leerstellen aufwiesen – für mich ein Beispiel für mutiges, hochgradig ästhetisches, unkonkretes und Verantwortung übertragendes Kinder- und Jugendtheater. Ich denke, es ist gut über die Grenzen zu schauen, um selbst weniger zu tun…

* Anmerkung: Die Auswahl der in diesem Kommentar genannten Inszenierungen soll keine Präferenz für eine Produktion darstellen. Die erwähnten Momente eigneten sich lediglich als Beschreibungsgrundlage des beobachteten Phänomens.

Sarah Kramer
Sarah Kramer arbeitet Theaterpädagogin am THEATER AN DER PARKAUE und lebt in Berlin. Ihr Studium absolvierte sie am Institut für Theaterpädagogik (HS Osnabrück). Sarah leitet Theatergruppen und Projekte für Jugendliche, Kinder und Erwachsene.

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