westwind next generation forum #15 von Liljan Halfen (Nexti 2015)

# … so ist das: Man trifft sich und es wird eine Welt daraus.

So ein Festival, das is‘ schon ‘n dickes Ding. Da passt eine ganze Welt in eine einzige Woche. Das Erlebte, unendlich zusammenschiebbar, nimmt man dann mit im leuchtenden Festivalbeutel zwischen vollgekritzelten Programmheften (für die Sammlung!) und in Eintrittskarten verklebten Kaugummis. Glücklich und erschöpft, mit dem dringenden Bedürfnis: Jetzt mindestens ein halbes Jahr mit keinem mehr reden, nie wieder sitzen und nur noch TrashTV schauen.

Ein paar Tage später fängt man dann doch an das Ding auszuräumen. Stück für Stück.
Wartet, bis Ideen und Fragen ihre Kreise gedreht haben. Wieder kommen, aus dem Mund, aufs Papier wollen, auf die Bühne. Freut sich, wenn das Telefon piept und blinkt, denn Theaternachbarn von eben sind wieder irgendwo am anderen Ende der Leitung verschwunden, werden wieder Buchstaben in Emails. Ein guter Moment Gedanken, Bilder und Wünsche festzuhalten und weiter zu geben. Mit der Frage an alle: Und bei euch? Und wie geht’s weiter?

# rahmen

Den Hof entlang, die Treppe rauf, den Gang runter. Next Generation trifft sich auf der Probebühne. Wer sind wir? Was wollen wir hier? Wir stellen uns vor, wir stellen uns Fragen. Zu Theater, zu uns, zur Welt. Was ist uns wichtig und warum wollen wir darüber sprechen?

… Altersgruppen Dramaturgie Regie Schauspiel Bühnenbild Licht Ton Organisation Technik Performance Tanz Musiktheater freie Szene Co-Produktion Stadttheater Kulturpolitik schauen staunen diskutieren netzwerken inspirieren wertschätzen teilhaben forschen staunen Was ist Zielgruppentheater? Wie finde ich mein Publikum? Ist das überhaupt Theater? Wie viel Pädagogik im Kindertheater? Wer bin ich, Künstler*in? Wessen Thema wird auf der Bühne verhandelt? Was ist typisch Kindertheater? Was hätte ich als Kind gern gesehen? Gibt es Tabus? Was finden Kinder lustig? Was heißt kindgerecht? Möchte Jugendtheater bestätigen oder hinterfragen? Muss Theater politisch sein? Ist Theater immer politisch? Stoff Form Utopie Fantasie Zukunftsperspektiven Impulse Dekonstruktion Klischees Produktionsbeding ungen Umsetzung Kostüme Verkleidung Requisiten Vermittlung Humor …

Den Fragen einen Rahmen geben: Next Generation Forum. Westwind zweitausendfünfzehn. Achtzehn Stücke, fünf Spielstätten, ein Festivalzentrum, ein Blogg. Kinder und Erwachsene, Künstler*innen und Publikum. Aktionisten, Diskussionen, Experimentpaletten und wir. Nexties. Runter von der Probebühne und rein ins Festivaleschehen. Die Tage sind voll zwischen gemeinsamem Frühstück und Schlummertrunk im Hotel. Vorstellungen, Applaus und Foyergeplänkel, interne Treffen, Inszenierungsgespräche, Rahmenprogramm, essen, trinken, straßenbahnen. Skizzenhefte füllen sich mit Ideen, To-Do- und Kontaktlisten, Fotos werden geschossen, Freundschaften geschlossen, tanzen, reden, rauchen.

# Beobachten und sprechen. Eine Übung

Westwind ist ein Theaterfest und ein Arbeitstreffen. Jeden Tag verschwinden wir in andere Welten und tauchen in der Gemeinsamen wieder auf. Was haben wir erlebt und was gesehen? Was hat uns gefallen und warum?

Inszenierungsgespräche sind eine kniffelige Angelegenheit. Meinungen treffen aufeinander, Geschmäcker und verschiedene Perspektiven auf Theater, das alle verbindet. Es ist eine Kunst, immer gute Worte zu finden, präzise zu beschreiben, wertschätzend und ehrlich zu urteilen ohne der Versuchung wohlwollender gegenseitiger Bestätigung zu verfallen. Es fällt auf: man will und muss sich reiben um weiter zu denken, man weiß aber, man trifft sich immer wieder. Ich lerne eine kluge Moderation sehr zu schätzen.

Sich vorher in kleinem Kreis zu treffen hilft, die Eindrücke zu ordnen und Formulierungen zu testen. Ich wundere mich, wie unterschiedlich man sich gut ausdrücken kann. Manchmal zwingt das Gespräch, sich eine Meinung zu bilden. Das ist anstrengend und macht sehr viel Spaß. Leidenschaft liegt in der Luft, die fremde Menschen sehr nah holt.

# Wertschätzung. Eine Auswahl

Was mich umhaut: Die Vielfalt der Inszenierungen. Die unterschiedliche Art, in der Wichtiges gezeigt wird. Stücke, die moralische Fragen am Stammtisch verhandeln und sich elegant des Pathos‘ entledigen. Und die, die etwas wagen. Kluge Regien, die den Zuschauenden das Wesentliche als Hauptgang mit Sahnehäubchen servieren: Los, probier mal, selber denken! Ich bin begeistert von der uneitlen Schönheit und Wärme, die ein Stück geben kann, das unaufdringlich persönliche Fragen stellt. Und von der Freiheit, mit der Steinsuppen gekocht und Stühle exekutiert werden. Ich freue mich über Komplexität und dass ich nicht alles verstehe, vieles verborgen bleibt, vor dem analytischen Blick und einfach ins Herz geht.

Was mich beschäftigt, sind die Möglichkeiten von Theater, politisch zu sein. Wie radikal darf Theater für junges Publikum sein? Ich denke weiter nach, ob es immer hinterfragen muss, oder auch nur erzählen darf. Auf jeden Fall kann es beides. Muss es ein Extra, ein Theater für junges Publikum, geben? Ich sammle weiter Für und Wider. Mir ist es jedenfalls wichtig, dass ich im Theater ernst genommen werde und das schon immer. Was macht da eigentlich den Unterschied?

Ein bisschen schwierig ist es auch in dieser Woche darüber zu brüten, es sind ja so viele Erwachsene unterwegs. Trotzdem treffe ich einige junge Zuschauer*innen auf diesem Festival, spielend, schauend. Hier und da bespricht man flüchtig, was man gesehen, wie es gefallen hat. Von diesen Begegnungen hätte ich mir mehr gewünscht, merke: ich möchte viel öfter mit Kindern zusammen Theater schauen. Aber auch mit dem großen Fachpublikum ist es amüsant. Vor allem, wenn es langweilig wird. Großartiges Stuhlgerutsche. Ich frage mich, darf man eigentlich einfach gehen, wenn es einem nicht gefällt?

Was ich entdecke: Ein wunderbares Festival, die schönste Raumgestaltung und eine hervorragende Organisation. DANKE DANKE DANKE. Alles läuft wie am Schnürchen. Und so unaufgeregt. Davon möchte ich mir etwas mitnehmen. Allerdings auch die Bestätigung: Man kann es nie allen recht machen. Beeindruckend und inspirierend auch das aktive und dichtgespannte Netzwerk im Westen. Hier ist next generation schon Tradition. Ich komme wieder!

Was plötzlich auffällt, aber gar nicht wichtig ist: Von Düsseldorf habe ich überhaupt nichts gesehen. Mal kurz am Rhein einem Schiff gewunken. Dafür kenne ich jetzt sämtliche Theaterhäuser von innen. Und die Prominenz. Immerhin auch mal gewunken.

# „meine Eltern haben mir schon als Kind gesagt, du weißt nicht, wann Schluss ist!“

Irgendwie hänge ich immer noch ein bisschen im Westwind und das ist gut so. Ich fühle mich vollgepumpt mit Theaterenergie, mit Idealismus. Entscheidend bestätigt: darum soll es sich drehen. Die Erkenntnis ‚einfach machen‘ klingt mir nach. Pläne schmieden für neues, alte Ideen schärfen und los geht‘s. Ich bin wieder fit. Immer noch glücklich. Möchte mir alles anschauen, was auf meiner Muss-Liste steht und bin neugierig, was alle anderen jetzt machen. Ich möchte euch gerne wieder treffen. Am liebsten auf einem Festival.

Sarah Kramer
Sarah Kramer arbeitet Theaterpädagogin am THEATER AN DER PARKAUE und lebt in Berlin. Ihr Studium absolvierte sie am Institut für Theaterpädagogik (HS Osnabrück). Sarah leitet Theatergruppen und Projekte für Jugendliche, Kinder und Erwachsene.

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