Wie lassen sich Kinder-/Jugendliche der neuen Generation vom vermeintlich altmodischen Medium Theater begeistern? – Westwind Nachbericht

Das Medium Theater scheint, oberflächlich betrachtet, in unserer Gesellschaft mehr und mehr an Bedeutung zu verlieren.
Vor allem was die jüngere Generation betrifft, haben die digitalen Medien es längst als populärstes Unterhaltungsmedium abgelöst. Im Rahmen meiner Ausbildung zum Theaterpädagogen an der Akademie für darstellende Kunst in Regensburg habe ich eine Theater-AG an einer Mittelschule begleitet. Knapp 30 jungen Menschen zwischen 10 und 15 Jahren sollte dort die Welt des Theaters näher gebracht werden und im Verlauf der über ein ganzes Schuljahr Workshop-Einheiten sollte mit den Jugendlichen gemeinsam ein Bühnenstück erarbeitet werden. Mir wurde schnell klar, wie wenig die Teilnehmer*innen mit diesem Medium anzufangen wussten. Für viele schien Theater eine Art „veraltetes Fernsehen“ zu sein, und die meisten hatten starke Schwierigkeiten, sich überhaupt ansatzweise auf die Thematik einzulassen.

In unserer schnelllebigen Zeit werden junge Menschen schon von früh an quasi ständig verschiedensten Reizüberflutungen ausgesetzt: Kinofilme in 3D und Super High Definition, Computerspiele die immer realistischer werden, endlose Welten an Channels und Fanseiten auf Portalen wie Youtube und Facebook für den kurzweiligen Zeitvertreib, alle nur ein paar Mausklicks entfernt, Filme werden gestreamt, noch bevor sie auf DVD erscheinen…

Mit den Möglichkeiten steigen auch die Erwartungen. Vieles, was vor zehn Jahren noch unvorstellbar war, ist heute selbstverständlich. Was man wohl uneingeschränkt behaupten kann ist, dass die heutige Jugend um einiges schwerer mit einfachen Geschichten beeindrucken ist, als damals. Und das wiederum scheint zur Folge zu haben, dass vieles, was das Kinder- und Jugendtheater zu bieten hat, gezwungen und anbiedernd wirkt…

Aufgrund dieser Überlegungen kam ich mit der Frage zum Westwind-Festival, ob und mit welchen Mitteln man Kinder und Jugendliche der neuen Generation vom Medium Theater begeistern kann.

Die wohl treffendste Antwort auf diese Frage gab wohl das Stück ‚Co-Starring‘ vom Schauspielhaus Bochum, welches nicht umsonst den Preis der Jugendjury erhielt: Man merkte sofort, wie der Funke bei dem sicher nicht ganz einfachen jungen Publikum übersprang. Das Thema ‚Pubertät‘ bot natürlich schon mal von Grund die perfekte Identifikationsgrundlage. Und Gott sei Dank gelang es der Inszenierung von Martina van Boxen, nie aufklärend oder aufgesetzt zu wirken, sondern stattdessen mit entwaffnender Direktheit, hohem Tempo und vor allem mit einer großen Portion ‚Coolness‘ zu punkten. Und genau das scheint ein Schlüsselelement zu sein, denn gerade um Jugendliche im Pubertätsalter zu erreichen, die mitten in der Identitätsfindung sind, scheint es ein todsicheres Mittel zu geben: Man muss cooler sein, als sie sich selbst fühlen.

Der Hauptdarsteller in ‚Co-Starring‘, Tim-Fabian Hoffmann, hat genau diese Coolness perfekt verkörpert. Er agierte schlagfertig, kein Blatt vor den Mund nehmend, dabei immer charmant und in direkter Konfrontation mit dem Publikum. Er hat es geschafft, den Jugendlichen eine Identifikationsfigur zu sein, indem er sich auf einer Ebene mit ihnen bewegt, zwar reifer und erfahrener, aber ohne moralische Instanz oder belehrendes Vorbild sein zu wollen.

Die Bühnengestaltung hatte etwas forderndes, ließ den Zuschauenden kaum Möglichkeit, abzudriften, unaufmerksam zu werden, ständig musste man sich mit dem Protagonist mitbewegen an die verschiedenen Spielorte, jederzeit konnte er direkt neben einem stehen, einen direkt ansprechen. Diesen ‚fordernden‘ Charakter des Stücks empfand ich auch als ein maßgebliches Element, um die Jugendlichen bei der Stange zu halten. Es schien nicht nötig zu sein, mit besonders aufwendigen technischen Mitteln zu imponieren, und so ist ‚Co-Starring‘ ein großartiges Beispiel, wie allein durch die Spielweise, die Geschwindigkeit der Handlung und das Einbeziehen des Publikums ein Spannungsfeld erzeugt werden kann, das stark genug ist, um selbst jene Jugendlichen in den Bann zu ziehen, die anfangs vielleicht mit widerwilliger Haltung und zum Boykott gewillt in die Aufführung gegangen sind.

Was ich vom Westwind Festival mitgenommen habe ist letztendlich die Erkenntnis, dass man Kindern und Jugendlichen mehr zumuten kann als man zunächst denken würde, und vor allem, dass man genau das auch unbedingt tun sollte. Es stellt sich weniger die Frage, was „zeitgemäß“ ist. Stattdessen ist entscheidend, ob man sein Publikum ernst nimmt, oder nicht. Es geht darum, sich mit ihrer Lebenswirklichkeit auseinanderzusetzen, sich einzufühlen und sie mit der selben Ernsthaftigkeit zu behandeln, wie man es mit seinen eigenen Problemen tun würde.

Von Manuel Knoll

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