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WESTWIND MÄRCHEN

Wir sehen uns wieder beim WESTWIND 2017

Der Sonnenschirm für ein strahlendes WESTWIND 2017 wird an des Schlosstheater Moers gereicht: Das 33. und größte Theatertreffen NRW für junges Publikum wird 2017 zu Gast am Schlosstheater Moers, im kleinsten Stadttheater des Bundeslandes, sein. Kommt vorbei vom 17.06. bis zum 23.06.2017!

Mehr Infos gibt’s hier.

WESTWIND MÄRCHEN

Interkultur und Leitkultur – Ein Tischgespräch

Wir müssen wieder politischer werden, wir benennen die gleichen Dinge, wir haben Themen, die uns alle interessieren. (Eine Teilnehmer_in)

Gewalt ist ein Thema und Interkulturalität ist unsere Realität. Kunst wirkt nur dann, wenn sie öffentlich wird. Wir sollten die Künste nutzen um Probleme politisch kommunizierbar zu machen, wir sollten uns darüber bewusst sein, dass sich kulturelles Kapital in Macht umsetzten lässt. (Eine Teilnehmer_in)

Kunst muss oft politische Probleme lösen, zum Beispiel Gewalt. Die Welt, in der unsere Arbeit stattfindet, ist interkulturell.  (Eine Teilnehmer_in)

Am Dienstag, den 26. April, um 17.00 Uhr in der Kellerbar des Consol Theater lud das gastgebende Theater zu einem Tischgespräch mit dem Titel „Interkultur und Leitkultur“ ein. Dabei gingen die Veranstalter_innen von den folgenden Überlegungen und Fragen aus:

In den Kulturbetrieben ist die Diskussion um eine Leitkultur wieder aktuell geworden, und damit verbunden, die Frage nach einer Wertdebatte. Die Kinder- und Jugendtheater verfügen über jahrelange Erfahrung in der interkulturellen Arbeit, da ihr Zielpublikum nie homogen war, sondern immer vielfältig. Dennoch werden angesichts der aktuellen Zuwanderung verstärkt Erwartungen an die Kinder- und Jugendtheater herangetragen, integrativ zu arbeiten und sich an einer auch pädagogisch besetzten „Werteerziehung“ zu beteiligen. (Westwind 2016)

Um den Diskurs der oben angeführten Debatte zu ergänzen und mit einem Input von außen zu bereichern, referierte der Erziehungswissenschaftler Max Fuchs, der bis 2013 Direktor der Akademie Remscheid und Präsident des Deutschen Kulturrates war. Sein Impuls diente als Einführung in das gemeinsame Gespräch. Im anschließenden Gespräch sollten laut Veranstalter die eigenen kulturpolitischen Haltungen und künstlerischen Arbeitsweisen gemeinsam besprochen, diskutiert und reflektiert werden.

Alle kulturellen Prozesse entwickeln sich ständig weiter. Aus Angst vor Veränderungen gab es in der vergangenen Zeit immer wieder Versuche, neue Innovationen zu verhindern oder die Geschichte ruhig zu stellen. Kultur ist jedoch immer dynamisch. Wer bringt den Begriff ein? Warum verwendet man den Begriff? (Eine Teilnehmer_in)

Es geht darum, Hürden abzubauen und persönliche Begegnung zu schaffen. (Eine Teilnehmer_in)

Was sind die Realitäten? Das ist unsere Gesellschaft und die sehen wir nicht nur im Spielplan, sondern auch im Haus. (Eine Teilnehmer_in)

Der Begriff „Leitkultur“ steht im deutschen Grundgesetz und erfährt von vielen Menschen eine emotionale Zuwendung. Er steht für die deutsche Kultur und ist damit ein besetzter Begriff, besetzt von Werten, Bildern, Verhaltensweisen und Regeln. Dies definiert ihn zu einem Maßstab kultureller Orientierung und führt gleichzeitig zu einer psychologischen Disposition, einer überzogenen Vorstellung von Integration. Es gibt kein effektiveres Mittel, das Menschen voneinander trennt, als ästhetische Differenzen. Dabei liegt die Herausforderung in den Künsten, in der Verbindung von Menschen und einer Identifikation mit ästhetischen Präferenzen. Künste sind das Werkzeug für Machtpositionen. In Deutschland verlagern sich politische Probleme in die Pädagogik oder in die Kunst und verlieren somit ihre politische Relevanz. Sie werden zu abgrenzbaren Projekten und Maßnahmen. Das Recht auf kulturelle Teilhabe ist nicht sekundär, wenn man von Mensch-Sein, von mehr als nur dem Überleben spricht. Dennoch ist die Tendenz, die eigene Kompetenz zu überschreiten und der Trend in pädagogischen und künstlerischen Arbeitskontexten ist die ästhetische Bildung in Form einer therapeutischen Maßnahme. Die Grenze zur Therapie sollte gewahrt werden. Politische Probleme müssen politisch gelöst werden.

Wir sind nicht dein nächstes Kunstprojekt – 01.04.2016

Tania Canas, Arts Director der australischen Organisation RISE, hat eine Zehn-Punkte-Liste für Künstler_Innen verfasst, die Projekte mit Geflüchteten durchführen möchten. Der Ausgangspunkt dieser Liste war laut Canas eine große Anzahl von Künstler_Innen, die auf der Suche nach Teilnehmer_Innen für ihre Projekte auf die Organisation zugekommen seien. RISE ist die erste Organisation von Geflüchteten, Überlebenden, Asylsuchenden und ehemals Festgehaltenen in Australien, die sich um deren Belange kümmert. Canas beschreibt, wie Künstler_Innen „die menschliche Seite der Geschichte“ hervorheben wollen, oftmals aber ein begrenztes Verständnis ihrer eigenen Objektivität, Voreingenommenheit und Privilegien gezeigt hätten.

  1. Prozess, nicht Produkt. Wir sind keine Ressource, die sich in dein nächstes Projekt einspeisen lässt. Du magst in Deiner speziellen Kunst talentiert sein, aber glaube nicht, dass dies automatisch zu einem ethischen, verantwortungsvollen und selbstbestimmten Prozess führt. Beschäftige Dich mit der Entwicklungsdynamik von Gruppen, aber bedenke auch, dass dies keine absolut belastbare Methode ist. Wem und welchen Institutionen nützt dieser Austausch?
  2. Hinterfrage deine Absichten kritisch. Unser Kampf ist keine Chance für dich als KünstlerIn, und unsere Körper sind keine Währung, mit der du deine Karriere befördern kannst. Statt dich nur auf das „Andere“ zu konzentrieren („wo finde ich Geflüchtete“…usw.), unterziehe deine eigenen Absichten einer kritischen, reflexiven Analyse. Was ist deine Motivation, zu diesem bestimmten Thema zu arbeiten? Und warum gerade jetzt?
  3. Sei dir deiner eigenen Privilegien bewusst. Wo bist du voreingenommen, und welche Absichten, selbst wenn du sie für „gut“ hältst, hegst du? Welche soziale Position (und Macht) bringst du ein? Sei dir bewusst, wie viel Raum du einnimmst. Mach dir klar, wann du einen Schritt zurück treten musst.
  4. Teilhabe ist nicht immer fortschrittlich oder bestärkend. Dein Projekt mag Elemente von Partizipation haben, aber sei dir bewusst, dass dies auch einschränkend, alibi-mäßig und herablassend wirken kann. Deine Forderung an die Community, ihre Geschichten zu teilen, könnte uns auch schwächen.
  5. Welche Rahmenbedingungen hast du für unsere Partizipation aufgestellt? Welche Machtverhältnisse verstärkst du mit diesen Bedingungen? Welche Beziehungen stellst Du her? (z.B. InformantIn vs. ExpertIn; Botschaft vs. BotschafterIn)
  6. Präsentation gegen Repräsentation. Kenne und beachte den Unterschied!
  7. Nur weil du das sagst, ist dies kein geschützter Raum. Dazu bedarf es langer Basisarbeit, Solidarität und Hingabe.
  8. Erwarte keine Dankbarkeit von uns. Wir sind nicht dein nächstes interessantes Kunstprojekt. Wir sitzen hier nicht rum und warten darauf, dass unser Kampf von deinem persönlichen Bewusstsein anerkannt oder durch deine künstlerische Praxis ins Licht gerückt wird.
  9. Reduziere uns nicht auf ein Thema. Wir sind Menschen mit Erfahrungen, Wissen und Fähigkeiten. Wir können über viele Dinge sprechen; reduziere uns nicht auf ein Narrativ.
  10. Informiere Dich. Kenne die bereits geleistete Solidaritätsarbeit. Beachte die feinen Unterschiede zwischen Organisationen und Projekten. Nur weil wir mit derselben Gemeinschaft arbeiten, heißt das nicht, dass wir auf dieselbe Art und Weise arbeiten.
  11. Kunst ist nicht neutral. Unsere Gemeinschaft wird politisiert, und jedes Kunstwerk, das mit bzw. von uns gemacht wird, ist inhärent politisch. Wenn du mit unserer Gemeinschaft arbeiten willst, musst du dir im Klaren darüber sein, dass deine künstlerische Praxis nicht neutral sein kann.

(http://www.kultur-oeffnet welten.de/positionen/position_1536.html)

Im Anschluss an die Einführung von Max Fuchs folgte ein Austausch der anwesenden Personen mit dem Stand der Dinge an den einzelnen Theatern. Welche Wünsche gibt es? Gibt es Hindernisse? Welche Erwartungen gibt es an die Theater auf kommunaler Ebene? Dabei dreht sich der Diskussionspunkt der Gruppe vor allem darum, sich als selbstwirksam zu erfahren und dabei nicht den Fakt zu verleugnen, dass man einen persönlichen Nutzen davon hat, den Fokus auch auf andere Zielgruppen zu setzen und die Chance der Zusammenarbeit zu nutzen.

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Nachgespräch Format 3: Die Visionär_innen

„Gong“ – die dritte und letzte Runde auf dem Westwind ist eingeläutet. Nach zwei sehr erfolgreichen und experimentellen Nachgesprächsformaten, „Die Analyst_innen“ und „Die Spieler_innen“, steht ein Spaziergang der etwas anderen Art auf dem Programm.

Zunächst versammeln sich alle Beteiligten im Foyer des Consol Theaters. Anschließend bilden sich Pärchen: „Willst du mit mir spazieren gehen?“ Zu zweit erhält das Paar eine Tasche, gefüllt mit unterschiedlichen Dingen, und macht sich auf den Weg nach draußen, auf das nahe gelegene Zechen-Gelände.

Arch88yeahDie unterschiedlichen Paare sind aufgefordert, anhand der Dinge, die in ihren Tüten vorhanden sind, ein Gespräch über die gesehen Stücke zu führen. Die Tasche ist mit Proviant gepackt, den sich das Pärchen zu einem Picknick arrangieren kann. Das ist zum Beispiel ein Trinkpäckchen, eine Banane, ein Süßigkeitenriegel und andere Dinge. Auf diesen Snacks befinden sich Fragen zu den Inszenierungen und die Aufgabe, ein „Kindertheater der Zukunft“ in Form eines Museums zu entwerfen. Die beiden „Visonär_innen“ zeichnen auf ein Blatt Papier einen Raum, welchen sie nach und nach mit ihren Ideen füllen.
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Über die Hauptaufgabe, eine gemeinsame Vision eines Theaters zu entwickeln, kommen die beiden in einen Austausch über ihre Ideen und Zukunftsvorstellungen.Dabei regen die inszenierungsbezogenen Fragen den Austausch über das gesehene Stück an und die gemeinsame Sichtungserfahrung ergänzt die Idee einer Zukunftsvision eines Theaters für Kinder und Jugendliche. Im Anschluss stellen die Paare ihren Entwurf den Beteiligten zur Ansicht zur Verfügung. So lässt sich auch für Außenstehende des Festivals ableiten, in welche Richtung die einzelnen Paare gedacht und argumentiert haben.

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Auge um Auge, Zahn um Zahn – Eine Exkursion in den Gelsenkirchener Zoo

Am 26. April trifft sich eine kleine Gruppe mutiger Explorist*innen vor dem Eingang des Gelsenkirchener Zoos. Die Gruppe erwartet eine besondere Nacht – eine Nacht im Tierreich. Unter ihnen befinden sich Rucksack- und Schauspieltourist*innen, ein rosa Elefant und erfahrene Theatermacher*innen, die den Besuchern ihres Theaters Tag für Tag ihre Fähigkeiten und Überlebensstrategien im kreativen Künstler*innenalltag zur Schau stellen.

In dieser Nacht drehen sie den Spieß um – sie schauen zurück. In dieser Nacht ist die besondere Fähigkeit der genauen Beobachtung gefragt, Nachtsichtgeräte werden eingeschaltet und Lauscherchen aufgesperrt.

In dieser Nacht verschwimmt die Grenze zwischen Mensch und Tier, Auge um Auge…

Nach einer netten Zusammenkunft und Vorstellungsrunde der Teilnehmer*innen im Restaurant des Gelsenkirchener Zoos beginnt die Veranstaltung mit einer szenischen Lesung, gestaltet von Till Beckmann, Jennifer Ewert und dem Schauspieler Manuel Moser. Die Lesung besteht aus ungefähr fünfzehn Theatertexten, welche in unterschiedlichster Form ein oder mehrere Tiere als Protagonisten einsetzen oder menschliches Verhalten in tierisches übersetzen. Beeindruckender Weise erkennt die Gruppe alle Textausschnitte wieder und ordnet sie problemlos der entsprechenden Stückvorlage zu. Dies zeigt, dass der Umgang mit der Darstellung von Tieren auf der Bühne besonders im Kinder- und Jugendtheater beliebt ist. Theaterstücke mit Tieren in der Hauptrolle verkaufen sich also nicht nur an der Volksbühne gut, sondern sind auch nach wie vor in den meisten Spielplänen eines Kinder- und Jugendtheaters wiederzufinden.

Tierdarstellung im Kinder- und Jugendtheater sind willkommener Kunstgriff für den Autor, Herausforderung für die Regie, möglicher Albtraum für die Schauspieler: schon immer und immer wieder bevölkert das liebe Vieh die Bühne (nicht nur) des Kinder- und Jugendtheaters. Ob ganz klassisch im Weihnachtsmärchen, als niedlicher Sympathieträger für Grundschulkinder oder als Provokationsangebot im Jugendtheater, streng biologisch oder zeichenhafter Fabelträger – die dramaturgischen Facetten der Tierverwendung im Theater sind ebenso weit gestreut wie ihre ästhetische und spielerische Umsetzung. (Westwind 2016)

Im Anschluss dieses ersten Impulses findet ein Tischgespräch zwischen den Teilnehmer*innen, dem Autor Martin Baltscheit und der Regisseurin Andrea Kramer statt. Dabei nehmen sich die Beteiligten besonders viel Zeit für die Frage nach Abstraktion und Zeichen der Ästhetik. Zusammen mit der Ausstatterin Sabine Kreiter analysiert die Gruppe anhand von Fotographien und Kostümteilen, welche Wirkung unterschiedliches Material auf die Körperform und Präsenz der Schauspieler*innen hat. Wie sich dies auf den Körper auswirkt und sich menschliches Verhalten spielerisch in tierisches verwandelt, berichten die anwesenden Schauspieler*innen aus eigener Erfahrung.

Nach einem theoretischen Input teilt sich die Gruppe in drei kleinere auf. Jede Gruppe erhält eine Sonderführung durch den Zoo bei Nacht.

Vor den Augen der Besucher*innen schlafen die Rollenvorbilder im Gelsenkirchener Zoo. Nur der rosa Elefant ist hellwach.

FRISCHER WIND: LINGEN

Interview mit der Kinderjury

 „Jede Altersgruppe sieht und bewertet ein Stück auf unterschiedliche Weise. Deshalb ist es gut, in den Wettbewerbsjurys jede Altersgruppe vertreten zu haben.“ Marie, 10 Jahre alt, auf die Frage, warum die Kinderjury wichtig ist.

WESTWIND fegte dieses Jahr vom 23. bis zum 29. April durch das Consol Theater Gelsenkirchen und das Theater Kohlenpott in Herne. Zehn Wettbewerbsproduktionen und darunter fünf, die sich zum Ziel gesetzt haben, vor allem die jüngsten Theaterbesucher zu begeistern und in ihren Bann zu ziehen. Ob das funktioniert und sich die Kinder angesprochen gefühlt haben, möchte ich im Gespräch mit der Kinderjury des Westwind Festivals erfahren.

Die Kinderjury auf dem Westwind-Festival kürt, neben der Preisjury und der Jugendjury, die in ihren Augen beste Festival-Produktion. Hierfür haben sich, unter der Leitung von Helge Fedder, sieben Kinder im Alter von zehn und elf Jahren zusammen gefunden. Zur Vorbereitung auf die gemeinsame Zeit auf dem Westwind Festival 2016 trafen sie sich vor Beginn des Festivals. Sie machten kleine Schauspielübungen, um ein Gefühl für die Arbeit der Schauspieler auf der Bühne zu bekommen und legten Bewertungskriterien für den Vorstellungsbesuch fest.

Dann ist es soweit, die Festivalwoche beginnt. Ein Tag auf dem Westwind-Festival beginnt für die Kinder schon eine Stunde vor Vorstellungsbeginn. Gemeinsam mit Helge besprechen sie nochmal, worauf während der Vorstellung geachtet werden soll. Besonders wichtig ist ihnen unter anderem das Bühnenbild und inwiefern das Stück gut verständlich ist. Außerdem achten die Kinder auf die Reaktionen des Publikums während der Vorstellung und beobachten, ob die Schauspieler_Innen die „Vierte Wand“ durchbrechen. Im Anschluss an die Vorstellung besprechen sie das Gesehene. Helge fungiert während dieser Gesprächsrunden als stiller Beobachter, der Anregungen und Denkanstöße gibt, ohne seine Meinung preiszugeben.

Zu den einzelnen Wettbewerbs-Stücken wollen die Kinder zum Zeitpunkt des Interviews noch nichts sagen, denn schließlich steht die große Entscheidung noch aus. Doch ihre Begeisterung für Theater zeigt sich dennoch. Von der niederländischen Inszenierung „Expedition Peter Pan“ sind alle schwer beeindruckt. Die Kinder schwärmen von dem riesigen Bühnenbild mit fahrenden Nachttischen und den vielen kleinen Murmeln, die sogar aus dem Mund der einen Schauspielerin fallen. Auch die männliche, tanzende Tinkerbell ist präsent im Gedächtnis geblieben.

Helge Fedder ist begeistert von der Zusammenarbeit mit den Kindern. Er schätzt es, welche Ernsthaftigkeit sie in die gemeinsamen Gesprächsrunden mitbringen. Kein Wunder, fast alle waren sie schon im Schultheater aktiv oder haben in ihrer Freizeit selber im Theater gespielt. Nach einer theatervollen Woche ist es dann am Freitagabend soweit. Die Kinderjury verleiht ihren Preis an die Inszenierung „wach?“ vom Forum Freies Theater Düsseldorf.

Rosanna Steyer, Studentin am Institut für Theaterpädagogik der Hochschule Osnabrück, Standort Lingen

FRISCHER WIND: LINGEN

Die Jugendjury unter der Lupe

Zum „Westwind-Festival“ 2016 kommen Zuschauer aus verschiedenen Theaterbereichen. Regisseure, Dramaturgen, Schauspieler, Theaterpädagogen, Studierende und viele mehr. Es werden Meinungen und Fachdiskussionen geführt. Erwachsene kritisieren und diskutieren, was Kindern und Jugendlichen gefällt und was nicht.

Aber was denkt eigentlich das Zielpublikum?

Um die Stimme der Jugend sichtbar zu machen, wird eine Jugendjury gewählt, die das Festival begleitet, die ausgewählten Stücke diskutiert und bei der Abschlussgala am 29.04.2016 einen Preis von 1000€ an ihren Favoriten überreichen darf.

Um Teil der Jury zu werden, konnten sich Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren mit einem Motivationsschreiben bewerben.

Von allen Bewerbern wurden 7 Teilnehmer ausgewählt: Rosa Kremzow (14), Laura Celentano (14), Thilo Ratsch (15), Niclas Jahr (15), Lisa Wittkamp (14), Emil Eule (12) und Matteo Maiweg (13).

Unter der Leitung des Schauspielers Nils Beckmann schauen Sie sich gemeinsam die fünf Jugendtheaterproduktionen an. Anschließend wird diskutiert. „Wir ballern erstmal raus.“ (Nils Beckmann). Jeweils eine Stunde vor der nächsten Vorstellung steht ein weiteres Treffen an, um das Gesehene sachlich zu diskutieren.

Die fünf Stücke sind sehr unterschiedlich. Mal ist es ein modern inszenierter Klassiker („Antigone“), mal ein Stück über die Entstehung der Welt („Das unsichtbare Haus“) und eines über das Thema Magersucht („Supertrumpf“). Auch Themen wie Selbstmord, Sex („Co-Starring“), und Erwachsen werden („Tigermilch“), werden auf der Bühne behandelt.

Wir treffen die Jugendlichen nach der letzten Vorstellung, „Tigermlich“. Das Stück sorgt für geteilte Meinungen, welche nun laut und aufgeregt zum Ausdruck gebracht werden. Es scheint, als ob es besonders bei den älteren Teilnehmern der Jury für Begeisterung gesorgt hat, während bei den Jüngeren Verwirrung und Unverständnis aufkommt. „Hä, wie soll man sich denn mit 14 Alkohol kaufen?“ (Emil Eule). Intuitiv und nach Gefühl bewerten die Jugendlichen die gesehenen Theaterstücke.
Sofort wird ein Vergleich zu den bereits gesehenen Produktionen gezogen.

Was am Vortag noch für Begeisterung gesorgt hat, wird heute schon mit etwas Abstand sachlich diskutiert.

Wir haken nach: Kriterium für eine gute Inszenierung ist, dass das Publikum angesprochen wird. „Es sollte eine gute Story haben und lustig sein“ (Emil Eule). „Ach ja, und gutaussehende Männer sind auch stets gern gesehen!“ (Rosa Kremzow). Als Topic auf der Bühne ist Selbstfindung spannend, während Präventionsstücke eher nervig und blöd sind.
Und habt ihr noch ein Tipp für die Regisseure und Dramaturgen? „Mehr Liebe auf der Bühne“ wünscht sich Matteo Maiweg, während Thilo Ratsch für „mehr klassische Musik“ im Theater ist.

Nun ist es an der Zeit, sich gemeinsam für das Siegerstück zu entscheiden. Wir hören heraus, dass „Co-Starring“ aufgrund des Mutes, „Antigone“ mit ihrer starken Spielweise, sowie „Das unsichtbare Haus“ wegen der guten Dramaturgie hohe Chancen haben. Doch bis es zu einer endgültigen Entscheidung kommen wird, steht noch Einiges zur Diskussion an, was von Coach Nils Beckmann insoweit unterstützt wird, dass er gezielte Fragen stellt und Diskussionsimpulse setzt. Dabei achtet er darauf, die Jugendlichen nicht zu beeinflussen. Er hält sich zurück und lässt sie untereinander arbeiten.

Auf unsere Frage, ob sie sich vorstellen könnten, nächstes Jahr erneut in der Jury zu sitzen, lachen sie und bejahen. Neben der Möglichkeit, so viel Theater auf einmal zu sehen, gab es nämlich ab und zu auch Schulfrei und kostenlose Getränke.

Bei der Abschlussgala, umrahmt von einer Performance, übergibt die Jugendjury dann feierlich Ihren Preis an… „Co-Starring“!

Carlotta Träger & Ulrike Wolf, Studentinnen am Institut für Theaterpädagogik der Hochschule Osnabrück, Standort Lingen

FRISCHER WIND: LINGEN

narrow – Workshop mit Laika

Das Stück „Nipt“ von dem belgischen Ensemble Laika befasst sich auf herrliche Weise mit einer Beziehung zwischen zwei Menschen, die den Schritt des Zusammenziehens wagen. Sie müssen feststellen, wie schön es ist nicht mehr alleine zu sein, seinen Lebensalltag mit Jemandem teilen zu dürfen, aber auch wie schwierig es ist, immer aufeinander zu hocken, keinen Freiraum mehr zu haben und sich trotz der Enge und ständigem Beisammensein auseinander zu leben. Ein Auszug und Liebeskummer folgen. Die Zeit vergeht, aber der Liebeskummer nicht. Die Anziehungskraft und Liebe scheinen stärker zu sein, so finden sie wieder zueinander. Eine größere Wohnung hilft, um Beiden den Freiraum zu geben, den sie benötigen.

Dieses wundervolle Theaterstück findet auf engstem Raum statt. Lediglich zwei übereinander gestapelte Holzboxen werden bespielt, in denen zwei kleine Wohnungen eingerichtet sind. In diesen viel zu kleinen Wohnungen leben ein viel zu großer Mann und eine viel zu große Frau. Das Mobiliar wird in Miniaturformat gehalten. Die Darsteller können nur über- und untereinander durchklettern, wenn sie die Seiten wechseln wollen. Durch die Enge des Raums wirkt das Spiel größer und absurder. Es wird nicht gesprochen, lediglich organische Laute sind zu vernehmen, welche, durch die hohe Spielenergie der Darsteller, aus ihnen herauspurzeln. Da die gesamte Konzentration der Zuschauer auf einen kleinen Raum gerichtet ist, wirken kleine Gesten größer.

Der Workshop wird von Darstellern von Nipt durchgeführt. Dies ist der erste Workshop, den die Beiden anleiten, weshalb sie etwas nervös sind, dies macht sie aber umso sympathischer. Wir verständigen uns auf Englisch, was ebenso amüsant ist, da man sich in „mein Englisch ist so schlecht“ duellieren kann.

Als „warming up“ stellen sich Workshopleiter und Teilnehmer in einem Kreis auf. Die Aufgabe ist, einen Ball schnell herumzuwerfen. Einfacher gesagt, als getan. Es gilt erst zu werfen, wenn man Blickkontakt mit jemandem aufgenommen hat. Nach und nach kommen vier weitere Bälle hinzu. Diese Übung ist ein guter Anfang um anzukommen und aufzuwachen. Schnelle Reaktionsfähigkeit und Achtsamkeit werden verlangt.

Anschließend machen wir einen Raumlauf. Jeder Teilnehmer soll sich, im Geheimen, zwei Personen aussuchen. Mit diesen versucht man ein gleichschenkliges Dreieck zu bilden. Die Schwierigkeit ist, dass niemand weiß, wer sich wen ausgesucht hat. Danach sind alle gut aufgewärmt, denn beide Übungen sind unter anderem auf Schnelligkeit ausgelegt.

Weiter geht es mit einer Übung, welche auf das Spiel mit Enge abzielt. Wie ist es, wenn eine große Gruppe lang-sam immer näher kommt? Was macht das mit einem, wie fühlt es sich an? Hierzu stellen sich alle Teilnehmer zu einem größtmöglichen Kreis auf. Eine freiwillige Person stellt sich in die Mitte, sie darf die Gruppe um sich herum beobachten. Die Teilnehmer, welche den Kreis bilden, nehmen eine neutrale Körperhaltung und Gesichtsausdruck ein, ihr Blick soll stets auf der Person in der Mitte ruhen. Auf ein Signal (Klatschen) geht der Kreis, einen Schritt nach vorne. Dies wird solange fortgesetzt, bis die Person in der Mitte „Stopp“ sagt oder der Workshop Leiter die Übung als für beendet erklärt. Beim zweiten Versuch, bewegt sich die Gruppe anstatt eines Klatschens auf einen gemeinsamen Impuls einen Schritt vor. Interessant zu beobachten ist, dass anschließend beide Personen in der Mitte, den Drang haben Spannung ab-zubauen(durch Lachen oder Husten), die zweifelsohne entsteht. Während des Voranschreitens des Kreises versuchen sich beide keine Unsicherheit anmerken zulassen, unsicheres Kratzen oder nervöses Herumzappeln der Finger wird versucht zu unterdrücken. Dem Kreis fallen kleine Bewegungen, Veränderungen im Blick und der Atmosphäre viel eher auf, je näher sie kommen.

Bei der nächsten Übung werden die Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt, jeder hat einen Partner aus der jeweils anderen Gruppe. Getrennt bekommen sie eine Aufgabe zugeteilt. Gruppe A soll sich vor Gruppe B vorstellen/ inszenieren. Gruppe B soll seinen Partner beobachten und dabei ein herausstechendes Merkmal aussuchen (bestimmte Armbewegung, Blick, Gang etc.), Gruppe A kennt den Auftrag von B nicht. Anschließend soll B als A auf die Bühne gehen, sich nochmal vorstellen und dabei das Merkmal verstärken. Anschließend wird getauscht.

Nun werden die Teilnehmer wieder in zwei Gruppen geteilt. Eine beobachtet und Eine steht auf der Bühne. Die erste Aufgabe ist, dass jede Person versucht so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Hier zeigt sich schnell, dass die Lautesten, am weitesten vorne Stehenden nicht unbedingt die meiste Aufmerksamkeit bekommen. Schnell wird es chaotisch, unübersichtlich und laut. Aufmerksamkeit ziehen mehr stille und langsame Aktionen auf sich.

Die nächste Aufgabe ist, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Hier sieht man, sobald sich eine Person für eine neue Handlung entscheidet (von sitzend in stehend), liegt sofort die Aufmerksamkeit auf ihr, auch wenn eine Person einer Handlung nachgeht, die im starken Kontrast zu den Anderen steht (alle stehen still, bis auf Eine, die immer auf und ab läuft).

Die letzte und schwierigste Übung kommt zum Schluss. Auf der Bühne ist ein kleines Quadrat abgeklebt, gerade so groß, dass zwei Personen nebeneinander stehen können. Es soll eine Szene gespielt werden. Die Schwierigkeit ist nicht nur, dass man kaum Platz hat sich zu bewegen, sondern auch, dass möglichst keine Bewegung über die Grenzen des Quadrates hinausgehen soll. Dies stellt sich als äußerst schwierig dar. Wie spielt man einen Konzertbesuch mit Sänger und Fan, wenn der Fan einem ins Gesicht schreit und der Sänger die „Masse“ vor sich zu unterhalten versucht? Und das auf nicht mal einem Quadratmeter. Es ist schwerer als angenommen, auf engstem Raum zu übertreiben und absurde Situationen zu kreieren.

Der Workshop hat sehr viel Spaß gemacht. Die Workshopleiter haben eine sehr angenehme lockere Atmosphäre kreiert, in der ich mich sicher fühlen und einfach drauflos probieren konnte. Durch den Workshop steigt meine Achtung vor den Darstellern noch mehr, ich finde es beeindruckend welch tolle Inszenierung sie auf diesem kleinen Raum entwickelt haben, da ich am eigenen Leib erfahren konnte wie schwierig es ist, diese Aufgabe zu bewältigen.

Lena Horsch, Studentin am Institut für Theaterpädagogik der Hochschule Osnabrück, Standort Lingen

FRISCHER WIND: LINGEN

Loosing gravity – Bericht über die Performance „Murikamification“ sowie den Workshop „written with the body“ der Gruppe Arch 8

Das Ensemble Arch 8 aus Utrecht bot unter der Leitung von Erik Kaiel eine Performance im öffentlichen Raum. Fünf Mitglieder bespielten das Zechengelände rund um das Consol Theater Gelsenkirchen sowie Gelsenkirchens und Hernes Innenstädte an drei verschiedenen Tagen. Die Vorstellung dauerte jeweils eine Stunde.

Vier Darsteller*innen vermischten Bewegungselemente aus Tanz und Akrobatik. Sie spielten das Publikum direkt an, nahmen Augenkontakt auf, bewegten sich durch die Reihen, berührten einige Zuschauer*innen. Begleitet von elektronischer Musik wurden Objekte erklommen, Hindernisse übersprungen. Die Akteure erzeugten ästhetische Standbilder, hingen von Gebäuden herab, standen kopfüber auf Treppengeländern oder im Fahrstuhl. Ruhigen Momenten folgten athletische Entladungen, wenn die Gruppe plötzlich im Vollsprint zum nächsten Objekt rannte. Ein fünfter Mitspieler, bekleidet mit Bermudashorts, Fischerhut, den Blick permanent auf eine Landkarte gerichtet, durchquerte unregelmäßig die Szenerie. Dieser wurde zum Beispiel auf einer Bank sitzend angespielt, reagierte jedoch nicht auf die Anderen.

Die Zuschauer*innen wurden zusammengeführt und liefen an den Händen haltend weiter. Das Ensemble führte die Show je nach Spielort zu einem unterschiedlichen Ende, so verschwanden sie auf dem Consol – Gelände hinter der Zeche oder bestiegen in Gelsenkirchen ein Vordach, um dort für einen Moment aus dem Sichtfeld zu verschwinden.

Arch 8 ließ sich laut eigener Aussage von den Romanen Haruki Murakamis inspirieren. In diesen werden surreale Welten erschaffen, in welchen die bestehenden physikalischen Gesetze keinen Bestand haben. So hat der Zuschauer auch bei „Murakamification“ den Eindruck, die Schwerkraft müsse neu definiert werden. Durch die Interaktion mit der Umwelt hat der Betrachter den Eindruck, die bespielten Objekte werden zu Spielpartnern. Die alltägliche Umgebung erhält eine Lebendigkeit. Durch die Partizipation der Zuschauer*innen entsteht das Gefühl, ein Teil eines großen Ganzen zu sein.

 

Workshop – Written with the body

Der Workshop „written with the body“ wurde auf dem großen Platz zwischen dem Theater und den Musikproberäumen von der Gruppe Arch 8 durchgeführt. Unter Anleitung von drei Ensemblemitgliedern erhielten 25 Teilnehmer*innen einen 90-minütigen Einblick in die Grundprinzipien ihrer Arbeit.

Als Aufwärmübung lief die Gruppe über den Platz, erforschte die Umgebung, bemalte diese in Gedanken. Im Anschluss wurde eine Übung durchgeführt, bei der Bewegungen zuerst einem bestimmten Körperteil folgen. So entstanden beispielsweise Bewegungsbilder, bei denen die rechte Hand die Bewegung führt, der Rest des Körpers folgt. Im Anschluss wählte jede*r für sich zwei Körperteile aus, die entgegengesetzten Bewegungsimpulsen folgten. Nachdem jede*r drei verschiedene Kombinationen aus diesem Bewegungsmuster vollführte, konnte man dem Impuls zu einem Standbild folgen. Die Teilnehmer*innen bewegten sich so lange nicht, bis auch der/ die letzte zu einem Ende gekommen war und verharrte noch einem Moment in diesem Bild.

Zur nächsten Übung stellten sich die Teilnehmer*innen mit Gesicht frontal zu einer Gebäudewand auf. Mit wechselndem Abstand zu dieser konnte man sich nach vorne fallen lassen und auffangen, um so Kontakt herzustellen und ein Gefühl zu bekommen, wie das eigene Gewicht in Zusammenspiel mit der Wand wirkt.

Im Folgenden wurden die drei Grundprinzipien der Interaktion mit Objekten am Beispiel einer Wand erklärt:

  1. Sliding: Unter sliding, auch painting genannt, versteht man die Bewegungsinteraktion mit einem Objekt. In diesem Fall wurde von allen Teilnehmer*innen die breite Gebäudewand mit dem Körper erkundet. Man stellt sich vor, der Körper sei ein großer Pinsel, welcher komplett oder mit einzelnen Teilen in rutschenden Bewegungen die Wand imaginativ bemalt.
  2. Rolling: Dieser Begriff thematisiert die Seitwärtsbewegung an der Wand entlang. Dabei ist zu beachten, dass ein ständiger Kontakt zur Wand gehalten wird und die Bewegungen möglichst flüssig ablaufen. Die Teilnehmer*innen rollen sich nun in unterschiedlichem Abstand zur Wand von rechts nach links.
  3. Pivoting: Diese Bezeichnung umschreibt eine komplexe Bewegungsabfolge, bei welcher sich die Teilnehmer*innen nun frei improvisierend an der Wand entlang bewegen.

Sliding und rolling können in einander übergehend genutzt werden. Der eigene Körper ist das Gravitationszentrum, die Teilnehmer*innen tauchen unter den anderen oder überspringen die Anderen. Man stelle sich vor, die Wand sei der Boden, über den man rollt, sich abstößt, über den man gleitet.

Big Wall: Eine Person lehnt sich an die Wand, alle anderen bewegen sich an der Wand entlang. Die bereits stehende Person wird als Teil der Wand bespielt. Mit der gleichen Intensität, mit welcher man sein Gewicht an die Wand abgibt, baut sich jede Person in vertikaler Richtung an die Andere und lässt so eine weitere Wand entstehen.

Wall Jump: Eine Person läuft seitlich auf die Wand zu, springt an diese heran und stößt sich mit Blick in die gesprungene Richtung im gleichen Ausfallwinkel von dieser ab. Diese Übung wird vereinzelt auch mit einer an der Wand hockenden Person durchgeführt, welche dann übersprungen wurde. Besonders wichtig ist es, nicht mit durchgedrückten Beinen auf die Wand zu springen. Auch hier hilft die Vorstellung, die Wand sei in Wirklichkeit der Boden.

Nun wurde eine Partner-Kontaktimprovisation angeleitet, bei welcher die Teilnehmer*innen sich gegenseitig als Spielobjekt nutzen konnten. Zuerst gab eine Person das Gegengewicht, die zweite bewegte sich um sie herum. Danach wurde die Improvisation freigegeben, die Partner*innen konnten sich frei auf dem Platz bewegen.

Zum Abschluss fassten sich die Teilnehmer*innen in Vierergruppen an den Händen, die folgende Übung nannte sich „climb through and twist“. Der Handkontakt wurde nicht unterbrochen, die Probanden blieben ständig in Bewegung, stiegen über die Arme der Anderen, drehten sich und tauchten darunter durch.

 

Über Arch 8

Arch 8 ist eine Performing Group aus den Niederlanden. Erik Kail, Choreograph und Initiator dieser Gruppe, entwickelte die Idee, den Menschen unbeachtete Orte in ihrer unmittelbaren Umgebung bewusst erlebbar zu machen.

„The way like a blind person reads words on a page, your body is reading the landscape“ (Erik Kail) Das war einer der Grundideen von Arch 8. Diese entwickelte sich durch das Zusammenspiel vieler kreativer Köpfe immer weiter. Erik sagt dazu, dass die Gruppe wie eine Jazz Band funktionieren soll – jede Person bringt Ideen, Erfahrungen und Fähigkeiten mit. Die Performance, wie wir sie auch am Gelände des Consoltheater sowie in der Gelsenkirchener Innenstadt erleben konnten, ist nicht immer dieselbe, je nachdem welche Konstellation gerade vorherrscht – die Persönlichkeit der Performer*innen ist wichtig.

Sie suchen Orte, die alt und vergessen sind: Einen kleinen Garten, der nicht an der Hauptstraße liegt oder eine Parkbank an denen Menschen vielleicht hundert Mal vorbeirennen ohne zu wissen, dass hier eine Parkbank steht. Sie wollen die Leute auf eine Reise mitnehmen – neue Orte in ihrer eigenen Stadt zu entdecken, sie aus neuen Blickwinkel sehen zu lassen. Orte an denen du täglich mit Kopfhörern vorbeiläufst, ohne zu wissen, was rundherum um dich passiert. Arch 8 will Menschen dazu bringen aufzuschauen, ihre Umgebung bewusst wahrzunehmen und Magie in die Straßen, auf denen wir laufen, zu bringen.

Jede Performance ist mit Risiko verbunden. Erik vertraut seinen Performer_innen, dass sie ihre Grenzen einschätzen können. Oft sieht etwas gefährlicher aus, als es eigentlich ist. „Du vertraust deinem Instinkt, dich selbst nicht in Gefahr zu bringen.“(Erik Kail).

Doch all dies bedeutet nicht nur künstlerische Vorbereitung, Monate im Voraus müssen sie die Orte finden, Punkte festlegen und die Bescheinigungen der Gemeinde und Polizei einholen. „Business is to make it possible.“ (Erik Kail)

Corinna Riesz und Andre Voss, Studierende am Institut für Theaterpädagogik der Hochschule Osnabrück, Standort Lingen

 

FRISCHER WIND: LINGEN

Gebärdensprache und Theater – Geht das überhaupt?

In jedem Land dieser Welt wird in irgendeiner Form Theater gespielt. Ob in China auf Chinesisch, in Brasilien auf Portugiesisch oder hier in Deutschland auf Deutsch: Die Menschen verstehen in den meisten Fällen das, was auf der Bühne gesagt wird, selbst, wenn die Bühnensprache wie bei der Produktion „mit dir zusammen“ (theater monteure, Köln) aus der Fantasie der Spielenden heraus entstanden ist, eine in sich geschlossene Grammatik besitzt und es keinerlei Verbindungen zur deutschen Sprache gibt. Denn hierbei kann ebenfalls mit Tonhöhen, Betonungen, etc. gespielt werden, sodass die Zuschauenden verstehen, in welcher Beziehung die Figuren zu einander stehen, welche Gefühle sie durchleben und was in dem Stück thematisiert wird, ohne, dass eine Simultanübersetzung benötigt wird.

Was ist jedoch, wenn die Bühnensprache einmal eine andere Form annimmt und die Laute in den Hintergrund gerückt werden?

Auf dem diesjährigen Westwind-Festival präsentierte das FFT Düsseldorf eine Inszenierung, in der sowohl Lautsprache, als auch die deutsche Gebärdensprache gesprochen wurden. Das Problem der Verständnislosigkeit zwischen Publikum und Spielenden wurde hier überwunden, indem die Übersetzungen der Gebärden durch eine hörende Schauspielerin geschickt in die Geschichte mit eingebunden wurden. Dadurch konnten alle Zuschauenden der Geschichte gleichermaßen folgen, jedoch traten die Reaktionen im Publikum auffallend zeitversetzt ein, denn eine Schulklasse tauber Schüler*innen lachte oftmals früher, als die Zuschauenden, die die Gebärdensprache nicht beherrschten. Fakt ist allerdings, dass wegen der Sprache keinerlei Verständnisschwierigkeiten bezüglich des Inhaltes auftraten. Um die zwei nicht hörenden Spielenden des FFT Düsseldorf auch an den restlichen Veranstaltungen des Festivals teilhaben lassen zu können, wurden sie von Dolmetscherinnen begleitet, die ausdauernd mal am Bühnenrand und mal im Publikum sowohl Theaterstücke und Reden als auch Rap-Songs übersetzten.

Durch die Präsenz der Gebärdensprache stellte sich mir die dringende Frage, inwiefern nicht hörende Schauspieler*innen in dem professionellen Theaterbereich arbeiten können. Auf genau diese Frage antwortete Rafael-Evitan Grombelka, der in „wach!“ vom FFT Düsseldorf durch seine ausdrucksstarke Körperlichkeit überzeugte, dass es für nicht hörende Menschen keine Möglichkeit gibt, sich im Schauspielhandwerk professionell ausbilden zu lassen. Doch dieser Aspekt hindert Grombelka nicht daran, sein Können auf der Bühne zu präsentieren und damit sogar eine Auszeichnung der Preisjury zu erhalten. Für ihn gibt es eine klare Verbindung zwischen dem Schauspiel und der Gebärdensprache, denn bei der Gebärdensprache gibt oftmals nur die Mimik Aufschluss darüber, ob am Ende des Satzes ein Frage- oder ein Ausrufezeichen steht.

Es ist also hoffentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis die Theaterwelt Formen findet, wie sie das unverbrauchte Potenzial der Gebärdensprache als Bühnensprache nutzen und nicht hörenden Künstlern*innen einen Zugang zur Professionalität bieten kann.

Nele Eilbrecht, Studentin am Institut für Theaterpädagogik der Hochschule Osnabrück, Standort Lingen

FRISCHER WIND: LINGEN

Warum es schade ist, dass so wenige Kinder und Jugendliche beim diesjährigen WESTWIND-Festival waren – Ein Kommentar

Das WESTWIND-Festival 2016 war mein absolutes Kinder- und Jugendtheater-Highlight 2016. So viele ambitionierte Stücke, ungewöhnliche Ideen, relevante Themen und spannende Charaktere.

Aber so gerne ich mit den Produktionsteams, der Auswahljury, anderen angehenden Theatermachenden und anderen interessanten Menschen auf diesem Festival gesprochen habe, so schmerzlich habe ich den Austausch mit beiderlei Zielgruppen vermisst: Kinder und Jugendliche.

Die einzigen Kinder und Jugendlichen, welche regelmäßig präsent waren, waren die Mitglieder der Kinder- beziehungsweise der Jugendjury. Und obwohl sie natürlich eine minimale Repräsentation darstellen, glaube ich, dass dieses Festival von einer größeren Beteiligung durch eben diese profitieren würde. Die Unterschiedlichkeit der Gedanken und Eindrücke von Kindern und Jugendlichen aus unterschiedlichen Lebensrealitäten kann aufgrund der minimalen Größe der Kinder- bzw. Jugendjury nicht qualitativ genutzt werden.

Der Wert für die eingeladenen Produktionen, welcher durch eine Sammlung von Eindrücken oder gemeinsamen Nachgesprächen mit der Zielgruppe entstehen würde, wäre unschätzbar. Kinder sind ein ehrliches und wunderbar unverschämtes Publikum. Sie lassen sich nicht mit Entschuldigungen von „Künstlerischer Freiheit“ oder „ästhetischen Entscheidungen“ abspeisen. Jugendliche sind kulturell kompetent. Durch ihre aktuelle noch rasant fortschreitende Entwicklung lässt sich an ihnen ablesen, was zukünftig in Bereichen wie zum Beispiel dem Theater erwartet werden wird, was „die Zukunft ist“.

Die bisherige Qualität des WESTWIND-Festivals, welche durch den Austausch mit anderen Theaterschaffenden im ganzen Bundesgebiet entsteht, soll nicht geschmälert werden. Ich denke nur, dass sich ein Festival, welches darauf ausgerichtet ist, Kinder- und Jugendtheater zu erforschen und Erfahrungen auszutauschen, nicht leisten kann, die Zielgruppe beinahe komplett zu ignorieren. Es wäre nur im Interesse der Theaterschaffenden, noch viel offensiver und umfassender das Feedback der Zielgruppe einzuholen. Auch wenn das in den jeweiligen Heimat-Spielstätten der Stücke möglicherweise passiert, ist jedoch die Meinung von Kindern an einem anderen Standort für jede Produktion zweifelsohne unparteiischer und wertvoller.

Außerdem bekämen Kinder einen viel unmittelbareren Zugang zu Theater, wenn sie mit den Schaffenden über die Stücke und deren Entstehung sprechen könnten. So würde es möglich, Kinder von einem neuen Standpunkt aus für Theater zu begeistern, was zweifelsohne letztendlich auch einer der Gründe ist, warum es Theater für junges Publikum und folglich auch das WESTWIND-Festival überhaupt gibt.

David John Münchow, Student am Institut für Theaterpädagogik der Hochschule Osnabrück, Standort Lingen

FRISCHER WIND: LINGEN, WESTWIND MÄRCHEN

Patricks Trick ODER „Wie nehme ich Kinder und Jugendliche als Publikum und ihre Themen auf der Bühne ernst?“

Wie nehme ich Kinder und Jugendliche als Publikum und ihre Themen auf der Bühne ernst? Diese Frage stand während des Westwind-Festivals immer wieder für mich im Raum. Schließlich sollten Kinder und Jugendliche auf einem Festival, welches sich „Kinder- und Jugendtheater“-Festival nennt, die Hauptrolle spielen.

Während einer Diskussion im Rahmen des Inszenierungsgespräches ‚die Analyst_innen‘, die ich mit dem Schauspieler Manuel und Dorothea von der next generation geführt habe, bekam ich anregenden Input, der mich den Rest der Woche einen Fokus setzen ließ. Wir drei hatten uns die Frage gestellt, wie man Kinder im Theater ernst nimmt. Wir wussten, wir wollten keine „weinerlichen, unendlich aufgedrehten, irgendwie dümmlich oder gar weltfremd wirkenden Eiteitei-Tüddel-Monster“ auf der Bühne. Wir wollten keine Theaterstücke, die die Interessen und Probleme von Kindern in irgendeiner Weise relativieren. Wir wollten Theater, das berührt und zwar generationenübergreifend. Wir wollten Theater, das getreu Erich Kästner zeigt: „Es ist egal, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint oder weil man später einmal einen Freund verliert. “ Aber wie bekommt man das hin?

Der Großteil der next generation forderte am letzten Abend, Erwachsene sollten auf der Bühne keine Kinder spielen. Sie sagten aber auch, Kinder selber sollten diese Aufgabe auch nicht übernehmen. „Wer dann?“ ist die naheliegende Frage an dieser Stelle. Beantwortet gesehen habe ich persönlich sie am letzten Abend, während der Eigenproduktion „Patricks Trick“ des Theater Kohlenpott.

Diese wunderbare Inszenierung spricht Groß und Klein gleichermaßen an, bringt zum Lachen und zum Weinen und trägt die Ernsthaftigkeit kindlicher Probleme nah an jeden Zuschauer heran. Inszeniert als große Fernsehshow mit Frack und Verfolger-Spot, erzählen zwei Männer die Geschichte von Patrick, der seine Eltern belauscht und erfährt, dass ein Brüderchen unterwegs ist; der aber durch weitere Lausch-Aktionen auch herausfindet, dass sein Bruder mit Behinderung zur Welt kommen wird. Er macht sich daraufhin auf die Suche nach Antworten und einem Weg seinem Bruder später zu helfen. Die Schauspieler versuchen in keiner Sekunde Kinder zu spielen, ihr Alter wird in keinem Satz erwähnt, lediglich der Text an sich gibt Aufschluss darüber, dass es sich bei Patrick um ein Kind handelt. Unverblümt wie es sich eigentlich nur ein Kind traut, fragt Patrick die Gemüsefrau, wie es ist, wenn man behindert ist. Und naiv (oder klug) wie es eigentlich nur Kinder sein können, sagt Patrick seinem schon herbei imaginierten Bruder, dass er mit ihm reden wird, damit er sprechen lernt und dass es kein Problem ist, wenn dieser schreit und sich auf den Boden wirft und dabei sabbert und nicht aufhört. Denn er, Patrick, würde dann einfach singen.

Eine Inszenierung die zeigt, dass Erwachsene nicht Kinder spielen müssen nur weil die Geschichte von Kindern handelt. Ein absolut gelungener Festival-Abschluss der zeigt wie Kinder- bzw. Jugendtheater sein kann und in der Zukunft hoffentlich sein wird und Lust auf mehr macht.

Thea Schmitz, Studentin am Institut für Theaterpädagogik der Hochschule Osnabrück, Standort Lingen

Selfie_Schneider
RÜCKENWIND, LEUTE!, WESTWIND MÄRCHEN

Gemeinsam sind wir stark – Der Arbeitskreis Kinder- und Jugendtheater und die deutsche ASSITEJ

Gemäß dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ formierte sich vor über 32 Jahren (so genau weiß das niemand mehr) der Arbeitskreis Kinder- und Jugendtheater NRW als als formloser Zusammenschluss der Kindertheatersparten der staatlichen Theater in NRW und ergänzte sich schnell um die Mitgliedschaften der freien Kinder- und Jugendtheater des Landes. Seitdem sieht der AK NRW die Vernetzung und gegenseitige Unterstützung der verschiedenen Theater, kulturpolitische Stellungnahmen auf Landesebene als seine Aufgaben an.

Außerdem übernimmt er die konzeptionelle Planung des jährlich stattfindenden Theatertreffens NRW für junges Publikum – Westwind und die Vergabe des Festivals an die ausrichtenden Theater.

Dabei arbeitet er eng mit der deutschen ASSITEJ (Internationale Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche) zusammen. Die deutsche ASSITEJ vertritt seit 1966 die Interessen des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland, insbesondere gegenüber der Kulturpolitik. Sie versammelt die Kinder- und Jugendtheaterszene Deutschlands unter einem Dach, verleiht deren kulturpolitischen Interessen eine Stimme und hilft diese durchzusetzen. Ziel ist es, jedem Kind und jedem Jugendlichen in Deutschland die Möglichkeit zu eröffnen, mindestens zweimal im Jahr ein Kinder- und Jugendtheater zu besuchen.

Dass die zwei ältesten Interessensverbände für Kinder- und Jugendtheater Deutschlands nicht nur inhaltlich eng verbunden sind, zeigt sich auch darin, dass die Sprecherinnen des Arbeitskreises ebenfalls Mitglieder des ASSITEJ-Vorstandes sind und auf dem Westwind 2016 neben der Vorstandssitzung auch die 50-jährige Geburtstagsfeier der ASSITEJ stattfand.

Zwei Fragen an Julia Dina Heße, Sprecherin des AK NRW und Mitglied im Vorstand der deutschen ASSITEJ:

Die dt. ASSITEJ wird 50 Jahre, was wurde erreicht?

50 Jahre ASSITEJ bedeuten, dass der internationale Austausch im Kinder- und Jugendtheater nicht nur zentral, sondern programmatisch ist. Die Kinder- und Jugendtheater sind durch die ASSITEJ weltweit vernetzt. Kooperationen und Koproduktionen schaffen Räume für Experimente und künstlerischen Austausch. Und darum geht es auch in den regionalen Netzwerken, die die Mitglieder in der ASSITEJ geschaffen haben und die die Festivallandschaft aktiv gestalten. Regionale, nationale und internationale Festivals haben zum Teil schon eine lange Tradition, erfinden sich aber immer wieder neu und reflektieren so Ästhetik und gesellschaftlichen Auftrag. Das alles begleitet die ASSITEJ mit ihren Publikationen und Veranstaltungen, die den Fachdiskurs dokumentieren. Seit 50 Jahren bringen wir also in der ASSITEJ die Macher*innen zusammen, um zu fragen, was wir tun, um Theaterkunst für junges Publikum zu ermöglichen und zugänglich zu machen, um nah dran zu sein und weiter zu denken.

Was sind die Ziele des AK NRW für seinen 50jährigen Geburtstag?

Der AK NRW ist in seiner Zusammensetzung mit rund 75 Mitgliedern ja sehr besonders. Das macht die Zusammenarbeit nicht nur notwendig und manchmal auch anstrengend, weil hier viele Interessen, Bedürfnisse und Ideen aufeinanderprallen, sondern auch zu einem starken Vertreter, der die Stimmen der Einzelnen bündelt und vertritt. Das ist in der Vergangenheit gelungen und dieses Engagement und Temperament wünsche ich dem AK auch für seine Zukunft und den 50. Geburtstag, damit die Leidenschaft auch in zäheren AK-Sitzungen nicht nachlässt und die Begegnungen während des jährlichen Westwind Festivals aufregend bleiben. Freie Theater, kommunale Theater und Landestheater müssen auch in Zukunft und angesichts der neuen gesellschaftlichen Herausforderungen an einem Strang zeihen und streiten für die gemeinsame Sache des Theaters für junges Publikum. Der Auftrag lautet weiter machen, vor allem weiter produzieren, viele gute neue Stücke, Uraufführungen, deutschsprachige Erstaufführungen, spannende Bearbeitungen aktueller Stoffe und Stücke aus dem Repertoire der Kinder- und Jugendliteratur. Aber in all diesem Produzieren gilt es auch, mal inne zu halten, die eigene Situation und Rahmenbedingungen zu reflektieren und zu befragen – das muss in der Zukunft eine Rolle spielen, damit im Dialog mit den KollegInnen und vor allem mit der Politik die angemessene Finanzierung, Förderung und Sicherung der Arbeit, an der es bis heute leider oft fehlt, verhndelt und hoffentlich einmal garantiert werden kann.

Manuel
DISKUSSION & GEGENWIND, FRISCHER WIND: NEXT GENERATION

Wie lassen sich Kinder-/Jugendliche der neuen Generation vom vermeintlich altmodischen Medium Theater begeistern? – Westwind Nachbericht

Das Medium Theater scheint, oberflächlich betrachtet, in unserer Gesellschaft mehr und mehr an Bedeutung zu verlieren.
Vor allem was die jüngere Generation betrifft, haben die digitalen Medien es längst als populärstes Unterhaltungsmedium abgelöst. Im Rahmen meiner Ausbildung zum Theaterpädagogen an der Akademie für darstellende Kunst in Regensburg habe ich eine Theater-AG an einer Mittelschule begleitet. Knapp 30 jungen Menschen zwischen 10 und 15 Jahren sollte dort die Welt des Theaters näher gebracht werden und im Verlauf der über ein ganzes Schuljahr Workshop-Einheiten sollte mit den Jugendlichen gemeinsam ein Bühnenstück erarbeitet werden. Mir wurde schnell klar, wie wenig die Teilnehmer*innen mit diesem Medium anzufangen wussten. Für viele schien Theater eine Art „veraltetes Fernsehen“ zu sein, und die meisten hatten starke Schwierigkeiten, sich überhaupt ansatzweise auf die Thematik einzulassen.

In unserer schnelllebigen Zeit werden junge Menschen schon von früh an quasi ständig verschiedensten Reizüberflutungen ausgesetzt: Kinofilme in 3D und Super High Definition, Computerspiele die immer realistischer werden, endlose Welten an Channels und Fanseiten auf Portalen wie Youtube und Facebook für den kurzweiligen Zeitvertreib, alle nur ein paar Mausklicks entfernt, Filme werden gestreamt, noch bevor sie auf DVD erscheinen…

Mit den Möglichkeiten steigen auch die Erwartungen. Vieles, was vor zehn Jahren noch unvorstellbar war, ist heute selbstverständlich. Was man wohl uneingeschränkt behaupten kann ist, dass die heutige Jugend um einiges schwerer mit einfachen Geschichten beeindrucken ist, als damals. Und das wiederum scheint zur Folge zu haben, dass vieles, was das Kinder- und Jugendtheater zu bieten hat, gezwungen und anbiedernd wirkt…

Aufgrund dieser Überlegungen kam ich mit der Frage zum Westwind-Festival, ob und mit welchen Mitteln man Kinder und Jugendliche der neuen Generation vom Medium Theater begeistern kann.
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Doro
DISKUSSION & GEGENWIND, FRISCHER WIND: NEXT GENERATION

Durch die Brille einer Next-Generation Stipendiatin – Nachbericht Westwind Festival 2016

Meine Erwartungen bezüglich eines Austausches innerhalb des Festivals wurden sogar übertroffen. Die Gruppe der Next- Generation Stipendiat*innen war ein Konglomerat aus verschiedensten Charakteren aus verschiedenen Professionen und Kontexten. Sehr schnell hat sich eine Vertrautheit eingestellt. Die gesehenen Produktionen wurden in unserer Runde nachbesprochen. Das Festival bot aber auch einen fruchtbaren Boden um mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen und sich auf Augenhöhe mit Theatermacher*innen auszutauschen. So kamen spontan Gespräche zustande, bei denen der Gesprächsstoff nie ausging und jegliche Fragen gestellt werden konnten, die zuvor unter uns Next-Generations zu Tage traten. Unsere Gesprächspartner*innen berichteten von ihrer Arbeitserfahrung und persönlichen Sichtweisen, Motivationen und Anliegen zum Thema Kinder- und Jugendtheater. Gemeinsame Interessen wurden entdeckt.

Ich möchte nun näher auf meinen spezifischen Beobachtungsschwerpunkt eingehen, anhand dessen ich einige Stücke reflektieren möchte. Das Festival schafft einen Rahmen, in dem sowohl theoretisch wie praktisch durch die eingeladenen Inszenierungen eine für mich wichtige Qualität des Kinder- und Jugendtheaters verhandelt wird:

In meinen Augen stellt sich Kinder- und Jugendtheater am stärksten den Bedürfnissen seiner Zuschauenden. Unter Vorraussetzung der aktiven Zuschauerrolle testet diese Form des Theaters Mittel, die zu intuitiver und sensitiver Interpretation führen. Unter Setzung dieser Annahme nahm ich mir vor, besonders den Raum in den Fokus meiner Beobachtungen treten zu lassen, da dies in meinem Masterstudium Szenografie im Vordergrund steht. Es geht hier jedoch nicht um den Raum allein, sondern um die Verbindungen, die mithilfe des Raumes geschaffen werden. Wie kann der Raum als Mitspieler fungieren?
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Jasmin
DISKUSSION & GEGENWIND, FRISCHER WIND: NEXT GENERATION

Welche Resonanzen bzw. Dissonanzen zwischen Sprache (Art, Einsatz) und Bühnenbild (Ästhetik, Form) waren in ausgewählten Stücken erkennbar?

Einleitend möchte ich die Begründung meiner Fragestellung erläutern, und im Anschluss auf einzelne Stücke einzugehen.

Das Interesse zur Korrelation von Sprache und Bühnenbild leitet sich aus meinem eigenen Hintergrund der bildenden Kunst, Performance und Tanz ab. Hierfür ist es wichtig zu erwähnen, dass meine eigene künstlerische Performancepraxis auf die Verwendung von Sprache oder Text verzichtet. Sie agiert auf rein abstrakter Ebene und folgt keiner Narration. Diesbezüglich war es für mich von großem Interesse, im Rahmen des Westwind Festivals 2016 das Abstrakte zu suchen. Darauf traf ich teilweise im Bühnenbild, in der es in Verbindung mit Sprache, manchmal unterstützend, gegensätzlich, oder richtungsweisend wirkte.

Diesbezüglich ergab sich für mich die Fragestellung, wie die Sprache und das Bühnenbild aufeinander reagieren, agieren, wie sie sich gegenseitig unterstützen oder einander widersprechen.
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Till
DISKUSSION & GEGENWIND, FRISCHER WIND: NEXT GENERATION

Ästhetische Bildung als Anliegen des Kinder- und Jugendtheaters

In einem Radio-Interview wurde ich gefragt:

Was willst du im Kinder- und Jugendtheater sehen?

Ehrlich gesagt, musste ich länger überlegen. Aber vielleicht liegt es daran, dass „sehen“ auch schon eine Einschränkung ist und es für mich persönlich darum geht eben diese Einschränkungen zu hinterfragen. Es geht nicht nur um ein Sehen. Es geht vielmehr um ein Erleben. Das hat dann mit allen Sinnen zu tun und geht noch darüber hinaus. Ich will riechen, sehen, schmecken, hören, denken, benutzen, fühlen, bereuen, trauern, verstehen, verachten, beurteilen, sprechen, entdecken. Theater ist letztendlich doch ein unschlagbares Medium. Es kann mehr sein als ein Sehen. Die möglichen Formate und Ästhetiken sind zahllos und längst nicht erschöpft. Gerade im Theater für Kinder und Jugendliche würde ich mir wünschen, dass eine Vielzahl von Formen, Farben und Inhalten zelebriert wird, sodass man von Anfang an mit einem Theaterbegriff durchs Leben geht, der nichts ausschließt. Kinder sollten ins Theater gehen und sich dabei nicht sicher sein können, was dort passieren wird. Theater für Kinder und Jugendliche zu machen heißt
Verantwortung dafür zu tragen, dass Theater von Anfang an mehr sein muss, als in einem abgedunkelten Raum zu sitzen. Junges Publikum sollte dafür sensibilisiert werden, dass ins Theater gehen auch nass werden, bewegen, Bagger fahren, abstimmen, anfassen und Rätsel lösen heißen kann.
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