Themenschwerpunkt: Laien im professionellen Theaterbetrieb von Julia-Huda Kopp (Nexti 2015)

Junge Ensembles, Bürgerbühnen, Schülertheaterwochen…

Unabhängig davon ob wir nach Dresden auf das Konzept der Bürgerbühne schauen, die Asylmonologe in Berlin betrachten oder die Förderung junger Ensemble auf deutschen Theaterbühnen in den Fokus rücken – der Trend ist eindeutig: Deutschlands Theaterlaien erobern die professionelle Bühne.

Dabei ist dies keineswegs eine unerwartete Entwicklung. Bereits im Zuge der 60er Jahre nahm das Streben nach Authentizität in der Darstellung gesellschaftlicher Wirklichkeit auf der Bühne drastisch zu und Laien wurden im Theater nicht nur geduldet sondern ausdrücklich gewünscht. Eine Entwicklung, die sich allerdings lange Zeit hauptsächlich auf freie Projekte beschränkte, die auf professionellen Bühnen allenfalls zu Besuch geladen waren. Eine Entwicklung, die seit den 90ern einen wahren „Boom“ erlebte, sich in den Jugendclubs der Stadt- und Staatstheater etablierte, mit Formaten wie der Produktionsgemeinschaft „Rimini Protokoll“ oder dem Projekt der Berliner „Asyl-Dialoge“ enorme Erfolge feierte und schließlich 2009 im Dresdener Modell Deutschlands erster „Bürgerbühne“ gipfelte.

Ein Trend, der sich natürlich auch in der Festivallandschaft widerspiegelt und somit auch seinen Weg zum WESTWIND findet. Eine Brise, die in Anbetracht der Relevanz und Aktualität der Thematik, mit einem einzelnen Laien-Ensemble vielleicht ein klein wenig schwach ausfiel. Allerdings wusste das Junge Ensemble vom Theater Kohlenpott aus Herne den quantitativen Mangel hervorragend auszugleichen. Dynamisch, witzig und mit dem Mut eine mittlerweile schon fast eingefahrene Thematik unkonventionell anzugehen, sicherten sich die jungen Nachwuchsschauspieler_innen eine der drei begehrten Auszeichnungen der WESTWIND Preisjury.

Meiner persönlichen Meinung nach: Vollkommen zu Recht!

Ob es nun an der viel gelobten Authentizität lag, die Laien so häufig als Kompetenz nachgesagt wird? Oder vielleicht daran, dass mir als in diesem Land geborene und aufgewachsene Deutsche mit Migrationshintergrund, dieses Stück einfach aus der Seele sprach… ein bisschen von beidem wird wohl dabei sein. Ganz sicher kann ich sagen, dass die Darsteller_innen mit ihrem Stück „Leider Deutsch“ mich in ihrer Performance überzeugt haben und sich einige Kolleg_innen mit abgeschlossenem Schauspielstudium eine Scheibe von der Performance der Nachwuchstalente abschneiden könnten.

Besonders gefreut hat mich diese Erfahrung beim WESTWIND, weil sie eine persönliche Überzeugung bestätigt. Seit sechs Jahren arbeite ich selber mit Laien und durfte in meiner Funktion als Regisseurin mehrere erfolgreiche Theaterproduktionen begleiten. Nicht zuletzt meine aktuellen Projekte bestärken mich in der Sichtweise, dass es möglich ist, mit Laien professionell zu arbeiten und qualitativ hochwertige Inszenierungen umzusetzen. Ja es braucht manchmal ein wenig länger und der ein oder andere benötigt intensivere Arbeit als das vielleicht mit professionellen Schauspieler_innen der Fall wäre. Allerdings überraschen Laien auch manchmal mit unkonventionellen Impulsen, für die eine Ausbildung vielleicht den Blick verstellt.

Es liegt mir fern hier in die eine oder andere Richtung zu pauschalisieren. Allerdings spiegelt diese Einschätzung eine Mischung aus zeitgenössischer Entwicklung, subjektiver Beobachtung und persönlichen Erfahrungen wieder. Ganz sicher lässt sich nicht leugnen, dass die Bühnen Deutschlands Stadt- und Staatstheater die Zeichen der Zeit aufgreifen und zu nutzen wissen und dass Laienensembles immer mehr Anerkennung innerhalb der professionellen Szene erhalten.

Persönlich bin ich gespannt auf die weiteren Entwicklungen der nächsten Jahre und auf welche Weise dieser Trend die Bühnen und Festivallandschaft mittelfristig prägen wird. Eine ohnehin schon vielseitige und inspirierende WESTWIND Woche hat dadurch auf jeden Fall eine besondere Note erhalten und nicht nur mir einen tollen Abend im Zuge eines facettenreichen Festivals bereitet.

 

Sarah Kramer
Sarah Kramer arbeitet Theaterpädagogin am THEATER AN DER PARKAUE und lebt in Berlin. Ihr Studium absolvierte sie am Institut für Theaterpädagogik (HS Osnabrück). Sarah leitet Theatergruppen und Projekte für Jugendliche, Kinder und Erwachsene.

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