Mitmachtheater von Benedikt Päffgen (NEXTI 2015)

Ist irgendwie für die meisten Theatergeher ein Wort, dem mit Raunen begegnet wird. Bei uns im Next Generation Forum (und an dieser Stelle spreche ich meines Wissens tatsächlich für alle 12) war das nicht anders. Trotzdem erwarten dieselben, dass die vierte Wand mindestens zeitweise außer Kraft gesetzt wird. Das Theatererlebnis (‚experience‘) soll doch auch mit uns, dem Zuschauer, zu tun haben. Wie geht das zusammen?

Es scheint, dass viele bei diesem gespenstischen Wort ‚Mitmachtheater‘ daran denken, dass sie ungefragt aufgefordert werden etwas zu tun, was in den meisten Fällen außerhalb der Comfort Zone liegt. Jetzt muss ich allerdings gestehen, dass ich selber so etwas nie erlebt habe (erleben musste?), doch die Vorstellung daran gefällt auch mir nicht. Die volle Aufmerksamkeit läge auf mir und ich hätte keine Kontrolle über die Situation. Stelle ich mir sehr bloßstellend vor.

Auf dem Westwind Festival 2015 war es jetzt allerdings fast schon zum Grundwerkzeug geworden, zumindest eine Form der Partizipation einzubauen. Das reichte von oOPiCAsSOo, also der Einladung zum freien Malen nach der Vorstellung bis hin zu vollkommener und tragender Rolle bei der Konferenz der Wesentlichen Dinge. Dazwischen lag dann alles vom Jackendiebstahl mit späterem Bedrängeln der Zuschauer (Nimmer und Nimmer Mehr), über ein Reinruf-Quiz (Grimmsklang), sowie Bühnenbewerfen (Bomba Mix) und Stimmungsabfragung, die entweder ungenutzt liegen gelassen wurde (Stones) oder tatsächlich demokratisch den Ausgang des Stückes entschied (Wilhelm Tell).

In England, wo ich derzeit Performance Arts an der Royal Central School of Speech and Drama studiere, ist das nicht anders. Immersive ist cool, die Leute zahlen fette Summen für Gruppen wie Punch Drunk, die einen hinter Masken verstecken und Teil einer anderen Welt werden lassen. Überall gibt es Promenade Performances oder intermediale Formate wie zuletzt in Deutschland besonders durch “Die Supernerds” hervorgeholt (zumindest ist dieses vermehrt bis zur Insel wahrzunehmen gewesen). Hier gibt es dann Gruppen wie Coney, die ebenfalls transmedial Shows inszenieren, welche beginnen, wenn man zuerst davon hört und erst enden, wenn man nicht mehr darüber nachdenkt – so Gruppenphilosophie.

Tassos Stevens von Coney ist es auch, der eines seiner fünf Prinzipien für partizipative Inszenierungen, das “loveliness principle” nennt, “related to ‚don’t do „evil“ by deliberately trying to fuck people up or by negligence, not taking care of the action.”[1], wo wir für mich wieder bei der Sache mit der Comfort Zone sind. Wenn etwas nicht sauber geplant ist oder tatsächlich die Bloßstellung stattfindet, ist Mitmachtheater für Zuschauer und Mitspieler unangenehm. Ist dem jedoch nicht der Fall und machen mehrere bis gar alle mit, gibt es viele tolle Beispiele, wie man in der Gruppe zusammen etwas erleben/erreichen kann.

Ein tolles Beispiel für mich ist da auf jeden Fall die Konferenz der Wesentlichen Dinge. Das gute Gefühl der Spieler stand immer im Vordergrund und wurde zur primären Aufgabe der Schauspieler, welche ansonsten bis kurz vor Ende nie im Mittelpunkt standen. Außerdem waren alle Teilnehmer gleich; durch die Festivalsituation waren sowohl viele Performance-affine aber ebenso Nichtperformer in der Runde und das kam zu keinem Zeitpunkt raus. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, das alle das Spielen genossen haben, weil wir gemeinsam Regeln aufgestellt und damit bereits Autorschaft für das Spiel angenommen haben. Dabei hat die Spielregel, Aufgaben ablehnen zu dürfen, welche von Anfang an etabliert wurde, dazu geführt, dass erst gar kein Druck entstand etwas zu tun, was man eventuell gar nicht wollte.

Spielerisch hinterfragten wir dann eben gesellschaftliche Regeln und Normen und brachten sie in einen konkreten Kontext für uns, an welchem man sehr gut diskutieren konnte. Würden wir Kindern Alkohol geben? In dieser Runde ja, aber generell konnte oder wollte es keiner so genau sagen. Doch geredet und gebrüllt wurde viel. Am Ende hatten wir fast das Gefühl etwas ‚geschafft‘ zu haben, denn durch gute Spielgestaltung und Freiheit für die Spieler, wurde es zu einem (gefühlt) sehr individuellen Erlebnis.

Jedoch es im Next Generation Forum dann eher um die Frage ging, ob es denn jetzt überhaupt noch Theater sei, weil Zuschauer zum Performer und dadurch auch zum (Teil-)autoren werden. Mir ist wichtiger, dass das Spiel geteilt wird und nicht mehr nur noch Schauspieler spielen dürfen, sondern alle miteinander. Ich denke und hoffe, dass so zusammen etwas Gutes entstehen kann, wie bei uns der Dialog und möglicherweise noch viel mehr. Gerne hätte ich mehr als einen Cent nach Köln gehen sehen, hoffe aber das weitere, ähnliche Formate folgen werden. Ich bin Fan.

[1]          Tassos Stevens in Josephine Macho : Immersive Theatres (2014)

Sarah Kramer
Sarah Kramer arbeitet Theaterpädagogin am THEATER AN DER PARKAUE und lebt in Berlin. Ihr Studium absolvierte sie am Institut für Theaterpädagogik (HS Osnabrück). Sarah leitet Theatergruppen und Projekte für Jugendliche, Kinder und Erwachsene.

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