Puppets, Tears and Puppeteers

© Bettina Engel-Albustin

Der Schritt über die Türschwelle des Pulverhauses in Moers katapultiert das Publikum in ein fantastisches Gauklermärchen. Der kleine Spielort, der nur etwa zwanzig Zuschauer*innen Platz bietet, verwandelt sich in eine Mischung aus Wohnzimmer, Labor und Krämerladen. Man stolpert hinein in die Welt des Familienunternehmens „Sonderlich und Söhne“.

Die drei Geschwister Sonderlich verwickeln das Publikum sofort in eine Art Verkaufsgespräch. Doch die Ware, die sie feilbieten, ist alles andere als alltäglich. Die Familie hat sich auf die Herstellung und den Vertrieb von Tränen spezialisiert. In kleinen gläsernen Fläschchen aufgereiht steht die kostbare Flüssigkeit in einem hölzernen Regal: Krokodilstränen, heiße Tränen, Freudentränen und Tränen der Verzweiflung.

Während die Schwester versucht, dem Publikum bittere Tränen anzudrehen – die Spezialität des Hauses, wie sie erklärt – erfährt man nach und nach immer mehr über ihre Familiengeschichte – eine Geschichte über Trauer, Außenseitertum und die heilende Kraft des Weinens.

© Bettina Engel-Albustin

Mit den Auftritten beim WESTWIND Festival begibt sich das Ensemble des Theater Tieret auf unbekanntes Terrain: Zum ersten Mal sind die belgischen Theatermacher in Deutschland zu Gast.

„Es ist das erste Mal, dass wir außerhalb unserer Komfortzone spielen, auf einer anderen Sprache.“ (Joost Van den Branden, Künstlerischer Leiter von Theater Tieret)

Für die Puppentheatergruppe aus Sint-Niklaas in Belgien, die ihre Stücke sonst immer auf Flämisch aufführt, sind er die ersten Vorstellungen in deutscher Sprache. Gerade für den Puppenspieler Joost Van den Branden ist das eine große Herausforderung, denn anders als die Schauspielerin Laurian Callebaut und der Musiker Piet Decalf hat er Deutsch nie gelernt.

Dass die Aussprache der Akteure nicht immer perfekt ist und sich kleine grammatikalische Fehler einschleichen, ist aber alles andere als störend. Es wirkt sogar gewollt. Denn das Stück kreist in seinem Kern immer wieder um das Gefühl, anders zu sein. Die Figuren weisen eine Vielzahl an Merkmalen auf, die deutlich machen, dass sie nicht der Mehrheit angehören. Ihre Abweichung von der Norm wird auf unterschiedliche Weise markiert. Sie erwecken Assoziationen mit Sinti und Roma, tragen arabische und hebräische Namen und singen auf Jiddisch. Ihre Zugehörigkeit wird durch diese widersprüchlichen Identitäts-Merkmale absichtlich offengelassen.

„Es ist wichtig, dass die Figuren im Stück Außenseiter sind, die nach Innen schauen.“ (Joost Van den Branden)

Denn in „Sonderlich und Söhne“ geht es um eine Familie, die isoliert ist und sich nicht willkommen fühlt. Und so kippt die fröhliche Verkaufsstimmung immer wieder in Panik um. „Unsere Dokumente sind in Ordnung! Wir dürfen hier bleiben!“, wiederholen die Geschwister wie ein Mantra und zucken zusammen, wenn der Postbote an die Türe klopft.

© Bettina Engel-Albustin

Joost Van den Branden hat Theater Tieret zusammen mit drei weiteren Puppenspieler*innen gegründet. Das Puppenspiel bildet den Kern ihrer Arbeit, bei ihren Inszenierungen arbeiten sie aber auch regelmäßig mit verschiedenen freischaffenden Schauspieler*innen und Musiker*innen zusammen. Denn es ist das Konzept von Theater Tieret, Geschichten zu erzählen, in denen Puppenspiel, Schauspiel und Musik gleichberechtigt miteinander verknüpft werden. Joost Van den Branden legt dabei besonderen Wert darauf, dass es einen Grund dafür gibt, dass bestimmte Charaktere nicht von Schauspieler*innen, sondern Puppen verkörpert werden. Ein solcher Grund könnte zum Beispiel sein, dass die Figur ein Gott ist, besondere Kräfte besitzt oder fliegen kann.

„Ich glaube, es sollte immer einen Grund geben, warum eine Figur durch eine Puppe dargestellt wird. Und es ist kein guter Grund, wenn die Puppe einfach nur einen Schauspieler ersetzt. Sie sollte der Figur eine zusätzliche Dimension in ihrer Existenz geben.“ (Joost Van den Branden)

Im „Sonderlich und Söhne“ kommt deswegen nur eine einzige Figur als Puppe vor: Der verstorbene Vater geistert als halbreale Erscheinung und manifeste Erinnerung durch die Lebenswelt seiner Kinder.

© Bettina Engel-Albustin

Wie alle ihre Stücke, hat die Gruppe „Sonderlich und Söhne“ selbst entwickelt. Dabei entstehen Storyline, Dialoge und Musik parallel zueinander und beeinflussen sich gegenseitig. Die Idee zu der Geschichte um die fiktive Tränenmanufaktur kam Joost Van den Branden, als er von einem Belgier hörte, der angeblich Zeuge einer weinenden Madonna-Statue gewesen war. „Eine Maske, die weinen kann!“ – das war der zündende Einfall für das Projekt.

Bei „Sonderlich und Söhne“ ging die Komposition der Musik der Entwicklung von Handlung und Dialogen voraus. Die Lieder hat Piet Decalf eigens für das Stück geschrieben und sich dabei von Klezmer- und Balkanmusik inspirieren lassen. Er selbst steht als Figur auf der Bühne: Als einer der drei Geschwister hockt er an einem Tisch in der Ecke und entlockt Instrumenten unterschiedlicher Musikkulturen traurige Klänge: Er spielt Althorn, Mandoline und Dobro, eine Resonatorgitarre, die in den 20er Jahren von einem tschechischen Einwanderer in den USA entworfen wurde. Und das alles unter verschärften Bedingungen: Denn er spielt sie blind. Seine Figur hält die Augen seit dem Tod des Vaters vor der Welt verschlossen und sucht nach der einen Melodie, die dieser sang, bevor er die Welt verließ. Die Lieder sind identitätsstiftend für die Figuren und wird so zu einem bedeutenden Teil der Geschichte. Der Stellenwert der Musik, die eben nicht nur der Untermalung dient, sondern zu einer Facette des Storytelling wird, ist typisch für die Arbeit von Theater Tieret.

Neben „Sonderlich und Söhne“ hat Theater Tieret bei WESTWIND auch das Stück „Baraque Future“ präsentiert. Mehr dazu hier. Außerdem konnten die Besucher des Festivals in einem Workshop bei Joost Van den Branden durch praktische Übungen die Grundlagen und Kniffe der Puppenspiels erlernen.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Workshop für alle mitlesenden Hobby-Puppenspieler*innen:

1. Animation
Um eine Puppe (oder auch jeden anderen Gegenstand) zum Leben zu erwecken, muss sie zunächst einmal atmen. Außerdem braucht sie Augen, die sich auf bestimmte Dinge richten. Indem man die Atembewegung nachahmt und ihr einen Blickwinkel gibt, wird die Puppe lebendig. Wenn sie auch sprechen soll, geht die Bewegung beim Öffnen des Mundes nach vorne, nicht nach hinten. Wie stark sie den Mund öffnet, richtet sich nach der Länge der Vokale.

2. Fokus
Wer mit einer Puppe interagiert, sollte sich bewusstmachen, wie man die Aufmerksamkeit des Publikums lenkt. Wenn die Puppe spricht oder etwas tut, blickt die Puppenspieler*in zu ihr, nicht zum Publikum. Die Spieler*in ist passiv und vermeidet große Bewegungen und Gesichtsausdrücke, die den Fokus auf sich ziehen könnten. Möchte die Puppenspieler*in die Blicke zurück auf sich wenden, macht sie auffällige Bewegungen und sucht Blickkontakt mit dem Publikum.

3. Aktion – Reaktion
Wenn Puppe und Puppenspieler*in miteinander interagieren, reagieren sie gegenseitig auf ihre Handlungen. Beispielsweise macht die Puppe eine ruckhafte Bewegung und die Puppenspieler*in erschreckt sich. Wichtig ist dabei die zeitliche Abfolge. Es ist ein gängiger Fehler, dass man schon während der Aktion reagiert. Die Reaktion sollte aber unmittelbar auf die Aktion folgen und darf nicht zu früh kommen.

KLUB KIRSCHROT
KLUB KIRSCHROT entwickeln in kollektiven Arbeitsprozessen Theaterstücke für ein junges Publikum. Das WESTWIND 2017 dokumentiert KLUB KIRSCHROT als WESTWIND-Blog Team bestehend aus Rosi Böhm, Kristin Grün, Sarah Kramer und Matthias Linnemann.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.